Achim Stegmüller hat einen Uni-Roman geschrieben, angesiedelt im japanischen Kyoto. Wie sein Ich-Erzähler lebt Achim Stegmüller in Kyoto und arbeitet dort an einer Universität als Lektor für Deutsch. Mit Deutschunterricht plagt sich der Ich-Erzähler an einer privaten Uni, obwohl er eigentlich seine Dissertation fertigstellen wollte. Er hatte zuvor sieben Jahre in Deutschland daran gearbeitet, als seine Professorin Magdalena Geyer ihm vorschlug, mit dem japanischen Professor Kobayashi nach Japan zu reisen. Dort könnte er seine Arbeit fertigstellen.
Hier fristet er fünf Jahre lang sein Dasein als Deutschlehrer. Diese Arbeit ist für ihn nicht von großem Wert, die japanischen Studenten werden als faule Seminaristen beschrieben:
Nicht selten waren die riesigen Klassen völlig lustlos und unmotiviert, sie lernten Deutsch der Vorgaben im Curriculum wegen …
… Ich wäre froh gewesen, wenn sie gesessen wären, – sie lümmelten, sie lagen, sie schliefen tief und fest auf ihren Tischen, selbst wenn ich an ihren Schultern rüttelte, und erst wenn die Glocke das Ende des Unterrichts markierte, erhoben sie sich und machten sich schnell davon.
Als Professor Kobayashi ihn für ein Forschungsprojekt zu den deutschen Bauernkriegen gewinnen will, sieht er darin eine neue Perspektive. Kobayashi plant ein kunsthistorisches Symposium zum 500-jährigen Jubiläum der Bauernkriege und benötigt die Unterstützung des Studenten, da seine deutschen Sprachkenntnisse nicht perfekt sind. Voller Enthusiasmus stürzt sich der junge Lehrer in die Arbeit. Er reist mit dem Professor nach Deutschland, um dort zur recherchieren.
Pendelbewegungen und fehlende Personencharakterisierungen
Die Romanschauplätze wechseln zwischen Deutschland und Kyoto. Die Personencharakterisierungen bleiben blass. Äußerlichkeiten wie die ständig schweißnasse Stirn des Professors werden eingestreut. Seine Porsche-Manie wird immer wieder erwähnt. Lustig erscheint lediglich die Szene, in der der Ich-Erzähler – nach einem fulminanten Arbeitsessen mit viel Alkohol – dem Professor seinen neuen Porsche vollkotzt. Ansonsten wird das Innenleben der handelnden Personen von Achim Stegmüller nicht weiter ausgeführt. Selbst der unerfüllte Kinderwunsch wird bei Professor Kobayashi eher beiläufig erwähnt. Achim Stegmüller lässt die Möglichkeiten ungenutzt, diesen Wunsch als Problem des Professors darzustellen. Ebenso dürftig sind die Handlungsmotive des Ich-Erzählers angelegt.
Erwartungen erfüllt Achim Stegmüller nicht
Die in der Werbung zum Buch hervorgehobenen Kämpfe um akademische Positionen und Fördergelder bleiben Randphänomene. Auch die Affäre mit Kobayashi, die dem Autor zufolge die erfolgreiche Kollegin Anita gehabt haben soll, wird vom Autor nicht als Konflikt des Romans genutzt. So dümpelt der Roman über weite Strecken vor sich hin und wird durch die ausführlichen Schilderungen der Kämpfe des deutschen Adels mit den Bauern zusätzlich in die Länge gezogen. Sie lesen sich, als wären sie aus populärwissenschaftlichen Büchern übernommen worden und überfrachten das schmale Buch unnötig. Leider stehen sie nicht virtuos neben den Rangeleien um universitäre Fördergelder und angemessene Bezahlung des Hochschulpersonals, wie es die Werbung zum Buch unterstellt.
Lokalkolorit?
Wie eingangs schon erwähnt, lebt und arbeitet Achim Stegmüller in Kyoto und hat seinen Roman dort angesiedelt. Aber Kyoto spielt keine Rolle.
An vielen Stellen drängt sich der Eindruck auf, man säße in einem Proseminar. Anstatt seitenlang die Bauernkriege zu beschreiben, hätte der Autor den Roman mit dem Kolorit dieser bezaubernden Stadt ausschmücken können. So hätte aus der Behauptung, der Roman spiele in Kyoto, ein Roman im japanischen Umfeld entstehen können.
Der Prozess der Modernisierung
Roman, 140 Seiten, Hardcover
Gans Verlag, Preis: 22,00 €
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