Elsternest

Agnieszka Lessmann spürt ihrer Biografie nach

Agnieszka Lessmann Roman Aga

Die als Feature-Autorin und Kulturjournalistin bekannt gewordene Agnieszka Lessmann lässt uns in Aga einen Blick auf ihr Leben werfen. In ihrem autobiografisch gefärbten Roman schreibt sie über das Schweigen nach der Shoah und erzählt eine Geschichte darüber, was nötig ist, um es zu überwinden.

Nach der antisemitischen Hetze der Kommunistischen Partei Polens im Jahr 1968, die ihre Eltern zwang, ihre Heimat zu verlassen, kommt Aga über Israel nach Deutschland. Sie ist gerade mal vier Jahre alt. Es ist etwas Merkwürdiges mit dem Haus, in dem sie nun wohnt. Es gehört der jüdischen Gemeinde und steht neben einer Kaserne, auf deren Tennisplatz amerikanische Soldaten ihre Freizeit verbringen, und dem Garten eines ehemaligen Klosters, in dem Hippies Bäume pflanzen. Dazwischen wuchern die kindlichen Fantasien.

Agnieszka, Ilana, Agnes, Aga – Viele Namen, ein Mädchen

In Polen hieß sie Agnieszka, in Israel Ilana und in Deutschland, als sie in die Schule kommt, Agnes. Ihre Familie und Freundinnen nennen sie Aga. Das ist nicht nur ein sprachlicher Trick, mit dem uns Agnieszka Lessmann in die verschiedenen Identitäten einführt, die ihr zugewachsen sind. Identitäten, die stark mit der jeweiligen Umgebung zusammen hängen. Und indem sie die Perspektive eines Kindes zu Beginn ihres Romans wählt, kann sie mit erschütternder Arglosigkeit davon erzählen, wie sich Traumatisierungen über Generationen in das Leben von Familien einschreiben. Die Sätze sind kindlich kurz und kindlich strukturiert. Alles wird durch die Augen dieses erzählenden Mädchens gesehen und verliert dadurch an Schwere, die den Begebenheiten anhaften.

Das Land der Mörder

Der Satz, „Ihr geht in das Land der Mörder“, von ihren Verwandten in Israel geäußert, versteht das kleine Mädchen nicht. Während die Erwachsenen versuchen, die Scherben ihrer Vergangenheit wieder zusammenzusetzen, werden Aga und ihre Freundin Sara im verwunschenen Garten des Hauses zu Partisaninnen und Prinzessinnen. Sie machen sich auf die Suche nach den Mördern. „Unterstützung“ bekommt sie dabei von dem Fernsehkommissar Erik Ode, der seinerseits zusammen mit seinem Assistenten Harry ebenfalls auf der Suche nach Mördern ist. Und dann geschieht tatsächlich ein Mord: der Vater von Sara wird im Wohnhaus erschossen, während im Fernsehen Der Kommissar läuft.

Traumatische Erlebnisse drängen an die Oberfläche

Während das Kind heranwächst, ändert sich auch der Schreibstil der Autorin. Als junge Frau reflektiert Aga viel stärker, die Schreibweise wird komplexer. Und die Schoah, die die Familie erlebt hat, drängt sich immer mehr in den Mittelpunkt des Romans. Als Agnes 12 Jahre alt ist, zwingt ihr Vater sie, eine Dokumentation über die Shoah im Fernsehen anzuschauen.

Ich saß allein im Wohnzimmer und sah Berge von Kinderschuhen, Berge von Haaren, ich sah Menschen, die nicht mehr wie Menschen aussahen. Ich sah Lampenschirme, die aus Menschenhaut hergestellt worden waren. …
An diesem Nachmittag muss es angefangen haben, dass ein Teil von mir unsichtbar wurde. Es ist mir erst sehr viele Jahre später aufgefallen. Ich habe mein Notizbuch gesucht und es auch gefunden, aber es stand etwas ganz anderes darin, als ich in Erinnerung hatte.
S. 184

Wir erfahren von den traumatischen Erlebnissen der Verfolgung und Ermordung von Agas Familie und Vorfahren in den Konzentrationslagern des Nazi-Regimes. Denn das ist ein Hauptanliegen von Agnieszka Lessmann: endlich diesen dunklen, unausgesprochenen Wörtern und Vermutungen ihrer Kindheit Namen und Gesichter zuzuordnen.

Den Umgang mit Traumata beschreibt sie wie das Anzünden einer Kerze:

Es macht nichts, wenn der Luftzug sie wieder ausbläst. Du musst sie einfach noch mal anzünden. Immer und immer wieder. Und wenn du dein Leben mit nichts anderem verbringst.
S. 238

Ihre Deutschlehrerin erkennt ihr Talent

Und sie will schreiben. Zuerst immer in Notizbücher, tagebuchartige Eintragungen, dann die ersten Gedichte, die sie ihrer Deutschlehrerin zeigt:

Sie wachsen aus den grauen Zeilen, eins neben dem anderen, Wort an Wort. Ich spüre den Füllfederhalter, seine kratzende Spitze auf dem Papier, ich spüre die Tinte, die er gleitend verteilt. Ich spüre jeden Buchstaben, wie er verwächst mit seinem Nachbarn, fiedrig und weiß. Wort an Wort reiht sich in mein Heft. Wort für Wort korrigiere ich in der freigelassenen Zeile. Mit der Zeit lerne ich, dass sie Platz brauchen und dass man sie nicht allzu sehr drängen darf. Auch noch einige andere Dinge, eine Meinung zu haben und einen neuen Freund.
S. 208

Die Deutschlehrerin sieht ihr Talent.

Sie pickt genau die Stellen heraus, die schwach sind, und erst jetzt weiß ich: Sie hat mich verstanden.
S. 211

Agnieszka Lessmann hat seither nie mit dem Schreiben aufgehört. Ihr nun zwischen zwei blauen Buchdeckeln gebundener Debütroman ist ein starkes Zeugnis der nach dem Nationalsozialismus aufgewachsenen Kinder der Opfergeneration. Er beschreibt das Empfinden vieler Juden und Jüdinnen der zweiten Generation in Nachkriegsdeutschland. Tiefe Gräben hat die Rassenideologie in das menschliche Miteinander gezogen und die daraus entstandenen Traumata wirken in den späteren Generationen nach. Dieser Roman erscheint zu einer Zeit, in der diese Ideologie des Ausgrenzens weltweit wieder im Aufschwung begriffen ist.

Aga
Roman
245 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag, Fadenbindung und Lesebändchen
Gans Verlag, Preis: 24,00 €

zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

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