Linkshänderinnen zu Protagonistinnen eines Romans zu machen, das ist so typisch für Heinrich Steinfest. Mit dieser – im Juli 2026 erschienenen Novelle knüpft er an seine Bücher über Menschen in bestimmten Berufen oder mit außergewöhnlichen Fähigkeiten an: 2018 veröffentlichte er den Roman Die Büglerin gefolgt von Der Chauffeur 2020. Sein „Hausverlag“ Pieper gestaltet geschickt, mit hohem Wiedererkennungswert die Cover dieser kleinen Reihe von Heinrich Steinfest.
Drei Linkshänderinnen im Flugzeug
Die Novelle erzählt von drei Frauen, die sich nach einem Vorfall im Flugzeug plötzlich in einer Sitzreihe wiederfinden. Sie stellen bei sich allen jene titel-gebende Gemeinsamkeit fest, aus der sich schließlich eine Freundschaft ergibt. Ansonsten sind sie, was die Herkunft betrifft, sehr unterschiedlich: die Deutsche Ruth Beck, die Österreicherin Nora Klaghofer und eine in Heidelberg(!) lebende Chinesin (Dr. Tilda Chen). Steinfest wäre nicht Steinfest, würde er nicht blumig die biografischen Hintergründe der drei Frauen erzählen. Wobei Tilda Chen phonetisch unweigerlich an seinen berühmten Privatdetektiv Markus Cheng erinnert. Dass er Tilda Chen in Heidelberg verortet, ist eine kleine Reminiszenz an seine neue Heimatstadt, in die er von Stuttgart kommend gezogen ist. Auch hier war es eine Frau, deretwegen er seinen Wohnsitz verlegt hat, wie er einmal in einem Interview erklärte. Ein schmerzlicher Verlust für Stuttgart wo er immer wieder pointiert gegen das Großprojekt Stuttgart 21 Stellung bezogen hat.
Von der Heilmasseurin zur Barkeeperin
Nora erbt von ihren Eltern zwei Immobilien. In einer, am Rande einer von Tourismus dominierten Ortschaft, errichtet sie eine Cocktailbar, nachdem sie sich von Heilmasseurin zu einer Diplom-Barkeeperin hat ausbilden lassen. Sie überredet Tilda Chen und Ruth in die Bar einzusteigen. In ihrem Lokal namens „Elsbeths Hoffnung“ kreieren die drei ungewöhnliche Cocktails, wie z. B. einen mit Namen Vermählung, den sie aus Champagner mit Guinness und einem Schuss Walnussschnaps mixen. Auftrieb bekommt die Bar sofort durch einen landesweit bekannten Restaurantkritiker, der ganz angetan ist von den Cocktailvariationen:
Obgleich der Mann den ganzen Abend der einzige Gast bleib, stellten Tilda, Ruth und Nora eine Menge von Cocktails her, von denen er immer nur ein wenig probierte, ein, zwei Schlucke bloß, um eine größtmögliche Menge des Angebotenen testen zu können. Denn genau das war er nun mal: ein Tester. Ein Tester, der bis Mitternacht blieb und auf die gleiche mysteriöse Weise verschwand, wie er gekommen war. Ähnlich dieser Leute, die sich später als Erlkönig oder verkleidetes Staatsoberhaupt, als Zeitreisender, Engel oder Teufel in Menschengestalt herausstellen, oder gar als Produzent einer TV-Serie auf der Suche nach einem geeigneten Schauplatz.
Ein außergewöhnliches Ereignis
Die Novelle wäre keine Novelle, wenn nicht ein außergewöhnliches Ereignis eintreten würde: Hier ist es das gleichzeitige Verschwinden von zwei wissenschaftlichen, französischen Fachgesellschaften, die in dem nahe gelegenen Hotel einen Kongress abhalten: Eine Gruppe von französischen Psychoanalytikern und der Verband französischer Floristinnen und Floristen.
Bei der Suche nach den 35 französischen Gästen stößt Dr. Tilda Chen auf einen 7-jährigen Jungen, der seit einem Jahr vermisst wurde. Diesen stöbert Tilda in einem Erdloch auf, wo er die ganze Zeit gehaust hatte.
Der Leiter der polizeilichen Ermittlungen, örtliche Rettungskräfte und die drei Linkshänderinnen entdecken im Laufe der Novelle auch die Mitglieder der französischen Fachgruppen auf. Wie dabei Morsezeichen und viele Liter wertvollen Weines zum Einsatz kommen, soll hier nicht weiter ausgeführt werden. Auch die von Heinrich Steinfest geschickt eingeflochtenen Liebesgeschichten sollen hier nicht weiter erörtert werden. Anzumerken sei aber, dass der Autor in diesem schmalen Band wieder seine grenzenlose Fantasie freien Lauf lässt und ihn mit überbordenden Einfällen versieht, die er teils – wie so häufig in seinen Romanen – auch in ausufernden Fußnoten und einem längeren Nachwort unterbringt.
Gibt es eine Fortsetzung mit dem gleichen Personal?
Für einen eingefleischten Steinfestfan bleibt nach der Lektüre dann doch ein kleiner Wermutstropfen: Keinerlei Verweise gibt es als Cliffhanger auf die beiden Bände Der Chauffeur und Die Büglerin. Dort hatte er Verweise auf mögliche weitere Handlungsstränge schlussendlich eingeflochten, die auf eine Fortsetzung in irgendeiner Weise hoffen ließen. Aber es kann ja sein, dass eines Tages der Chauffeur seine Uniform von der Büglerin aufbügeln lässt und er in einem Großraumtaxi alle Frauen in diesen Geschichten zu einem betrunkenen Berg fährt.
Die Linkshänderinnen
Novelle
144 Seiten, Hardcover
Piper, Preis 18,00 €
zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens
