Elsternest

Die Stuttgarter Lyriknacht: Klappe, die 21ste

Natja Küchenmeister, bekannte Lyrikerin bei der Lyriknacht 2025
Das Stuttgarter Literaturhaus präsentiert 2025 selbstbewust die bekannte Lyrikerin Natja Küchenmeister

Zum 21. Mal findet die Stuttgarter Lyriknacht statt. Eine Gemeinschaftsveranstaltung vom Literaturhaus Stuttgart, der städtischen Bibliothek und dem Stuttgarter Schriftstellerhaus. Dieses Jahr war das Literaturhaus Gastgeber der Veranstaltung. Nach etwa drei Stunden, die der lyrikaffine Zuhörer auf den harten Stühlen des Hauses ausgehalten hat, fragt er sich, ist das noch ein adäquates Format, um Lyrik einem breiten Publikum zu präsentieren? Schon vor Jahren äußerte der ehemalige Vorsitzende des Vereins Stuttgarter Schriftstellerhaus e. V., Günter Guben, selber Lyriker, dass er nicht weiter an diesem Format interessiert sei, denn die präsentierte Lyrik sei zu abgehoben, das Format (eine „Wasserglaslesung„) wenig innovativ. Sein damals abgegebenes Urteil scheint sich dieses Jahr wieder einmal zu bestätigen. Sollte man dieses Format, obwohl so lange praktiziert, weiter führen? Ein Nachdenken darüber scheint dringend geboten.

Eine Kunstlesung: Manon Hopf am Start für die Stadtbibliothek Stuttgart

Marion Hopf

Die Stuttgarter Bibliothek präsentiert bei der diesjährigen Stuttgarter Lyriknacht Manon Hopf, eine fünfundreißigjährige Lyrikerin, die als Übersetzerin aus dem Französischen tätig ist und in Mannheim wohnt. Ins Gespräch gezogen wird sie von der Literaturkritikerin und Jurorin Beate Träger, die eine fundierte Kennerin der deutschen Lyrikszene ist.

Manon Hopf hat im letzten Jahr den Gerlinger Lyrikpreis gewonnen. Sie liest aus ihrem Band hier steht ein Mensch. verwandlungen. Ihre lyrischen Bilder erschließen sich beim reinen Zuhören nur schwer. Hinzu kommt, dass ihre Art und Weise, die Gedichte zu lesen, weil affektiert, anstrengend ist. Wenn Manon Hopf die Trennungslinien zwischen Mensch und Tier fallen lässt, zwischen Körpern und Wassern und Vögeln, dann fragt man sich unwillkürlich, wo will sie hin?

In ihrer Sprache bleibt nichts mehr aufeinander und beisammen. Alles ist im Fluss und im Werden. Eine Sprache aus dem Klang heraus. Körper, Tiere und Beziehungen werden geformt, bewegt, gar neu erschafft. Alles ist in Bewegung: die Wasser von der Quelle durch den Fluss bis zum Meer.

auch der fluss versteckt
vor schreck seine quelle
wie lerne ich das wasser
küssen die wellen
vor dem regen schützen

Die Verhandlung von Identität sollte als offen gesehen werden, so Maron Hopf. Sie will in den Zeiten von Erstarrung etwas Verflüssigendes hinzufügen. Sind die aktuellen Diskussionen über fluide Genderdefinitionen an ihr vorbei gegangen? Es scheint so. Schon als Kind, bevor sie in die Schule kam, hat sie sich, nach eigenen Aussagen, mit den antiken Mythen beschäftigt und diese gelesen, denn sie war schon als Kindergartenkind des Lesens mächtig. Nach so viel Eigenlob wendet man sich gerne einer bodenständigeren Lyrikerin zu, Natja Küchenmeister.

Natja Küchenmeister schaut auf den Großen Wagen

Natja Küchenmeister wurde 1981 in der damaligen DDR geboren und hat in diesem Frühjahr den Band Der Große Wagen herausgebracht: Langgedichte über den Großen Wagen, den das lyrische Ich von Köln, Lissabon und Berlin aus betrachtet. Im Gegensatz zu Manon Hopf spricht Natja Küchenmeister die Sinne in ihren Gedichten an: Geruch, Fühlen (Tasten), Sehen und Hören. Wunderbare lyrische Bilder bringt sie in ihren Versen unter:

Auf der Fensterbank schiebt die Sonne rum

Natja KüchenmeisterDie Trägerin des Basler Lyrikpreises und des Bettina-Brentano-Preis für Gegenwartslyrik, um nur einige zu nennen, zieht in diesem Band sämtliche Register der Rhetorik. Am schlagkräftigsten muten die vielen paradoxen und teils bewusst schiefen Wendungen an. Nichts passt mehr in dieser Welt zusammen, die, schenkt man einer Zuspitzung Glauben, einem explodierten Hinterhof gleicht. Aber das ist eine ganz andere, sinnlichere Lyrik als die von Maron Hopf

Natja Küchenmeister erzählt im Gespräch mit Beate Träger von Tod und Verlust der guten Freundin und Kollegin Barbara Köhler, mit der sie jahrelang in Köln eine Wohnung teilte aber auch von dem in Köln lebenden Freund Jürgen Becker, der im November letzten Jahres 91jährig verstarb. Hier wird deutlich, dass diese Autorin mit beiden Füßen im Leben steht und nicht den Kopf in den Wolken hat, wiewohl ihre Gedichte von einem Zentralgestirn, den Großen Wagen handeln.

Drei junge Frauen auf der Suche nach ihrem Ausdruck

Das Junge Schriftstellerhaus performt einen eigen Text, Stuttgarter Lyriknacht

Als Intermezzo treten drei junge Mädchen aus der literarischen Werkstatt des Schriftstellerhauses auf. Mit ihrem Outfit könnten sie unterschiedlicher nicht sein: eine scheint einem Manga entsprungenen zu sein, in ihren Stiefeln mit den übergroßen Plateausohlen und dem sehr kurzen Rock, die andere als Walküre in einem fußlangen, weißen Kleid gehüllt und die dritte im Bunde mit gerade geschnittener Hose und gestreifter Bluse, einer Sekretärin aus vergangen Zeiten nicht unähnlich. Wie schon im letzten Jahr in der Cannstatter Bibliothek performen sie wieder einen selbstgeschriebenen Text.

Ein Farbfleck bereichert die Lesungen

Doris Vogel

Zum Schluss des Lyrikteils bei der Stuttgarter Lyriknacht präsentiert Moritz Heger vom Schriftstellerhaus Stuttgart Doris Vogel. Ihr Band „Dieses Buch gehört dem König 2.0“ widmet sich dem wohl „größten Mythos des 20. Jahrhunderts“. Inspiriert von der Biografie Elvis Presleys hat die 1988 geborene Doris Vogel Gedichte verfasst, die das Leben des prototypischen Popstars von der Geburt bis über den Tod hinaus reflektieren. Doch sei es kein Merchandise, wie sie im Gespräch mit Moritz Heger ausführt. Vielmehr soll eine einzelne Figur, die sich ins kollektive Gedächtnis eingeschrieben hat, ins Zentrum gerückt werden. Dabei öffnet sie gleichzeitig Raum für zeitlose, universell menschliche Themen: Selbst- und Fremdwahrnehmung, Einsamkeit und Liebe, Stimme und Ohnmacht.

Ihr Gedichtvortrag ist gekennzeichnet durch Wiederholung: alle Gedichte liest Doris Vogel zweifach. Das ist zwar deutlich eingängiger als die Lesung von Manon Hopf aber zur fortgeschrittenen Stunde ermüdend. Auch Moderator Moritz Heger scheint angesichts des langen Abends ein wenig seine Fröhlichkeit verloren zu haben, wirkt nachdenklich-verloren auf der Bühne neben der kühlen Dichterin. Diese hat das Cover ihres Lyrikbandes mit von ihr selber gemalten Portrais des Kings verziert.

Mit der U4 durch die Stuttgarter Innenstadt – Die Band Die Konsequenz

Die Konsequenz Zum Abspielen des Titels U4 auf den Button klicken

Da geht es der Gruppe „Die Konsequenz“ nicht anders als Moritz Heger. Auch sie absolvieren ihren Auftritt – nach einer kurzen Umbaupause – recht zahm. Karoline Brombach streift in ihren Songs hierhin und dorthin in dieser Stadt, liest Erinnerungen auf, zeigt Situationen, beobachtet die Menschen. All das verpackt in einen heiteren, schlauen, schlichten und melodischen Indie-Pop. Unter anderem spielen sie ihren Song über eine Fahrt mit der U4 in Stuttgart, der schon häufig im Radio zu hören war. Er hat viele Strophen und zählt viele Stationen auf, die Stuttgarter kennen sie:

Freund und Kupferstecher
Bollwerk und Kebab
Es nähert sich die Mitte
Im Tunnel steil bergab

Tanzstimmung stellt sich in den merklich ausgedünnten Räumen bei der diesjährigen Stuttgarter Lyriknacht nicht mehr ein, trotz Ermunterung dazu von Frontfrau Karoline Brombach.

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