Elsternest

Graham Nash – Ein 83jähriger Gentleman

Graham Nash in Stuttgart

Graham Nash ist seit sechzig Jahren auf den Bühnen der Welt unterwegs, am 29. September 2025 kam er nach Stuttgart. Er spielte auf seinem ausverkauften Konzert im Beethovensaal der Liederhalle einen Querschnitt aus seiner Bandbiografie. Diese umfasst Songs von den Hollies, über Lieder, die er für die Supergruppe Crosby, Stills And Nash schrieb bis Kompositionen von seinen Soloplatten. Neil Young stieß zu den dreien, die stilbildend für den harmonischen Satzgesang und klaren Gitarrensound war. Alle vier Mitglieder von C,S,N & Young waren herausragende Gitarristen und Songwriter.

Lieder und Geschichten aus einem langen Künstlerleben

Das Motto der Tour von Graham Nash lautet „More Evenings Of Songs & Stories 2025“ und selbstverständlich gibt es neben den vielen Klassikern auch neue Stücke dieses virtuosen Musikers und Songwriters. In der Viererkonstellation von Crosby, Stills, Nash and Young stand er oft nicht so sehr im Mittelpunkt, seine drei Bandkollegen waren dominante Musikerpersönlichkeiten.

Daneben wirkte Nash manchmal abseits stehend. Das lag sicher auch daran, dass er als einziger Brite in der Band ein gewisses Understatement pflegte. Auch heute noch könnte er, der Träger des von Königin Elisabeth II verliehenen Ordens Officer of the Order of the British Empire (OBE), eher als englischer Gentleman durchgehen als als raubeiniger Rockpoet.

An diesem herbstlichen Montag in der Liederhalle hat er die ganze Aufmerksamkeit des Publikums. An seiner Seite hat er eine Band versammelt, bei der es oft den Anschein hat, seine ehemaligen Bandkollegen stünden an seiner Seite. So perfekt beherrschen Todd Caldwell (Keyboards und Gesang), Adam Minkoff (Bass, Schlagzeug, Gitarren und Gesang) und Zach Djanikian (Gitarren, Mandoline, Schlagzeug und Gesang) ihre Instrumente und den für C,S,N & Young so perfekten Harmoniegesang.

„I’ve got some good music for you tonight.“

Es sind nur wenige, bescheiden vorgetragene Worte, mit denen Graham Nash sein Konzert am Montagabend im voll besetzten Beethovensaal eröffnet, die aber Großes versprechen: „I’ve got some good music for you tonight.“ Und dann singt er seinen ersten Song: Wasted On the Way. Es ist der Country-Folk-Song, den er 1977 für die Band geschrieben hatte und der auf ihrer dritten LP veröffentlicht wurde.

Aus Alltagssituationen sind Hits entstanden

In den besten Momenten entsteht wahre Musikmagie, etwa bei I Used To Be A King, geschrieben für Joni Mitchell, mit der Nash von 1968 bis 1970 liiert war: mit seinem hypnotischen Dreivierteltakt und einer umwerfenden E-Gitarrenpassage ein Song zum Augenschließen und Treibenlassen im siebten Folk-Rock-Himmel. Joni Mitchell, seine große Liebe aus der damaligen Zeit, hat ihn auch zu dem Song Our house inspiriert, als er von einer Einkaufstour mit Mitchell nach Hause kam, ihr sagte, sie solle doch Blumen in die gerade gekaufte, neue Vase stellen, er mache derweil ein Feuer. Aus diesen Zutaten entstand dieser ewige Hit.

Nash spielte Woodstock, die großartige Hymne von Joni Michell an das unvergessenen Musikfestival in US-Bundesstaat New York. Die Zeilen:

And I dreamed I saw the bombers
Riding shotgun in the sky
And they were turning into butterflies
Above our nation

waren natürlich dem Vietnamkrieg gewidmet. Graham Nash ist auch heute noch ein politischer Mensch. So bringt er die nach der Vancouver Tour gemachten Erfahrungen an der US-Grenze (Stills, Crosby und Young konnten einreisen, er wurde aufgehalten) in dem Song Immigration Man zum Ausdruck und verbindet dieses 1970 geschriebene Lied mit der Politik des heutigen US-Präsidenten, der die Grenzen schließt und Nash’s Kollegen Bruce Springsteen übelst beschimpft. Als Nash vor seinem Song Military Man über den Wahnsinn der Kriege in dieser Welt spricht kommt er auf den fürchterlichen Krieg im Nahen Osten zu sprechen und verurteilt das harte militärische Vorgehen von Israel in Gaza. Er persönlich denke, Israel verübe einen Genozid in Palästina. Daran wird klar, wie politisch der 83jährige heute noch als Künstler auftritt.

Simple Man – Simple Songs

Es sind, neben der grandiosen Musik diese kleinen Geschichten, die das Konzert so wertvoll machen. Und bei all dem Ruhm, dem Erfolg, den dieser Musiker hatte und hat, wollte er doch immer nur einfache Lieder zu schreiben, die die Menschen von der ersten Sekunde an verstehen, sagt Nash von sich. (Ausgedrückt in dem Song Simple Man.) Er hat diesen Anspruch, gemessen an diesem Konzertabend, überaus erfolgreich erfüllt. Oft weiß man auch, ganz ohne die Texte zu kennen, worum es geht. Oder vielmehr: spürt und fühlt es im harmonischen, mehrstimmigen Gesang, in den tief berührenden, die Seele streichelnden Melodien. Nash verwechselt „einfach“ nicht mit „banal“, sondern erweist sich als Meister des unprätentiösen, schnörkellosen und höchst effektiven Songwritings.

Eine der filligransten Balladen von Stephen Stills beendet den Abend

Suite: Judy Blue Eyes, war der Eröffnungssong des Debütalbums des Trios Crosby, Stills, Nash aus dem Jahr 1969. Mit diesem grandiosen 7-Minuten dauernden Stück von seinem verehrten Kollegen Stephen Stills endet der Abend und enden die Zugaben. Schließt man die Augen, meint man, die ursprüngliche Band zu hören, Stephen Stills würde Gitarre spielen. Aber es ist Adam Minkoff, der die auf D-A-D-G-B-E gestimmte Gitarre spielt und so mit seinem klaren Sound den wunderbaren Harmoniegesang der Bandmitglieder veredelt.

Graham Nash Zum Abspielen von „Suite: Judy Blue Eyes“ (Konzertmitschnitt) bitte auf den Button klicken

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