Was für ein großer Wurf ist Hannah Häffner mit ihrem neuen Roman Die Riesinnen gelungen. Atemlos verschlingt man diesen voluminösen Roman, der das Schicksal von Frauen in drei Generationen schildert. In Wittenmoos, einem fiktiven Schwarzwalddorf, sind sie zu Hause: die Riessberger Liese, Cora und Eva. In den 1960er Jahren beginnt der Roman. Bis in die Gegenwart begleitet der Leser die drei ungewöhnlichen, eigenwilligen Frauen. Groß und dünn sind sie und Außenseiterinnen. Argwöhnisch beäugt durch die Dorfgemeinschaft gehen sie ihren Weg. Eine Schicksalsgemeinschaft, verbunden durch die Familienbande: Mutter, Tochter, Enkelin. Zwei weitere Protagonisten drängen sich wie die Rhythmussektion einer guten Jazz-Combo immer wieder in die Geschichte: der Wald und das Dorf.
Liese heiratet einen Metzgermeister
Liese heiratet den Metzgermeister Bernhard Riessberger und hat mit ihm eine Tochter: Cornelia, die sich eigenwillig in die kleine Familie einbringt. Bernhard hätte lieber einen Stammhalter.
Cornelia kann unmöglich so fest Liselottes Daumen umklammern und so ist aus Cornelia bald eine Cora geworden, das passt viel besser.
Nach dem frühen Tod von Bernhard übernimmt Liese handstreichartig die Metzgerei von ihrem Schwiegervater, der diese eigentlich an seinen Sohn Bernhard vererben wollte. Und Liese zieht ihre Tochter allein auf. Cora ihrerseits verlässt das Dorf, um sich in der Welt umzuschauen, es ist die Zeit von Love and Peace. Sie kommt schwanger und mit vielen Erfahrungen reicher wieder zurück ins Dorf und muss lernen, dass Heimkehr keine Niederlage ist. Sie hilft in der Metzgerei der Mutter aus, steigt später in das Geschäft der Mutter ein und erweitert die Metzgerei um ein Restaurant.
Der Wald ist immer noch geduldig, nimmt ihr nicht übel, dass sie weg war. Die Stille ist nicht vorwurfsvoll, auch nicht gleichgültig. Sie ist so wie immer, allumfassend und tief.
Studium in der Großstadt
Im dritten Teil des Romans erleben wir den Werdegang von Eva, die in Stuttgart studiert, sich dort aber nie wohlfühlt. Zu sehr zieht es sie in ihr Dorf und zum Wald zurück. Erst nachdem sie ihr Studium hingeschmissen hat, wird sie sich ihrer Liebe zum Wald nach und nach bewusst. Bei ihr wird die Verwurzlung zur Heimat am stärksten deutlich und gegen Ende dieses fulminanten Romans verbindet sich die Schicksalsgemeinschaft der drei Frauen mit den Protagonisten Dorf und Wald dauerhaft.
In Wahrheit hat es ihr in der Lunge wehgetan, wenn sie an die Welt gedacht hat, als zerrte jemand an ihren Wurzeln, die dick und unverrückbar sind, bis tief in den Körper und von dort tief in die Erde reichen.
Genaue Personenbeschreibung
Tief taucht Hannah Häffner in das Innenleben ihrer Protagonistinnen ein. Feinfühlig erzählt sie von ihren inneren Kämpfen, ihren Brüchen aber auch von ihrem eisernen Willen, ihr Leben selbstbestimmt in die Hand zu nehmen. Die einfühlsame psychologische Beschreibung ihrer Frauenfiguren kontrastiert sie mit starken Ausführungen zu Wald und Dorf. Immer wieder gelingt es ihr, Bilder von ungebrochener Kraft zu erzeugen. Wundervolle Beschreibungen der ländlichen Umgebung und des Waldes bilden einen breit fließenden Strom.
Die Autorin gleitet nie in den Kitsch herkömmlicher Heimatromane ab. Im Gegenteil: Heimat ist in diesem Roman der Dreh- und Angelpunkt, mit dem sich alle drei Protagonistinnen auf unterschiedliche Weise auseinandersetzen müssen und an dem sie sich reiben.
In Wittenmoos ändern sich selten Dinge, darum geht es ja gerade… Ein Ort, an dem man hingehört, auch wenn man ihn sich nicht ausgesucht hat. Geh, und alles hinter dir zerfällt, bleib, und du musst bleiben, wer du bist, weil es sonst nicht funktioniert. Was ist Heimat, wenn nicht eine Zuflucht vor einer Angst, die du ohne sie nicht hättest?
Hannah Häffner ist eine routinierte Erzählerin
Hannah Häffner hat in Interviews mehrfach betont, dass sie diesen Roman in relativ kurzer Zeit geschrieben hat. Das hatte keinen Einfluss auf die Personencharakterisierung und die Landschaftsbeschreibung. Detailreich beschreibt sie, wie die kleine Eva die Brustwarzen beim Saugen zerbeißt. (Hannah Häffner ist selber Mutter von zwei Kindern.) Andere Dinge bleiben eher in der Andeutung, z. B. der Widerstand gegen die geplante Errichtung des Atomkraftwerks Wyhl. Berufliche und studentische Details werden von der Autorin wortkarg nur angedeutet.
Dass Liese ohne Meisterbrief oder Unterstützung eines Meisters nach kurzer Einlernzeit die Metzgerei mit elf Angestellten leitet, darüber geht Hannah Häffner großzügig hinweg. Ein Manko, das bei einer zu erwartenden Verfilmung dieses großartigen Romans leicht auszumerzen sein wird.
Der Stoff bietet sich für Romanverfilmung an. Das kann man an vergleichbaren Verfilmungen wie Unter Leuten von Juli Zeh oder Altes Land von Dörte Hansen ablesen. Es scheint, als hätte Hannah Häffner mit Die Riesinnen dem Erfolgsroman Altes Land ein süddeutsches Pendant zur Seite gestellt. Wobei es sich bei Die Riesinnen, im Gegensatz zu Dörte Hansens Altes Land, nicht um Hannah Häffners Erstlingswerk handelt. Sie hat bei Goldmann bereits drei Kriminalromane vorgelegt, die an der Ost- und Nordsee spielen. Nun ist sie mit den Riesinnen wieder in ihre Heimat nach Süddeutschland zurückgekehrt und hat damit den Frauen und dem Wald ein Denkmal gesetzt.
Die Riesinnen
Roman
416 Seiten, geb. mit Schutzumschlag und Lesebändchen
Penguin Verlag, Preis: 24,00 €
zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens
