Hoch oben, so heißt der neue Roman von Joachim Zelter, der Ende August in der Kröner Edition Klöpfer erschienen ist. Hoch oben angekommen ist Joachim Zelter (63) mit seiner feinen Ironie, mit der er auf die aktuellen Zustände in diesem Land blickt. Diesmal macht er es exemplarisch an der Figur des Oberbürgermeisters der fiktiven Kleinstadt Karlsberg. Dass Zelter bei der Beschreibung dieser Kleinstadt seine Heimatstadt Tübingen zum Vorbild genommen hat, steht für den Leser nach wenigen Seiten fest. In der Figur des Oberbürgermeisters Thorwald Burger ist unschwer der derzeitige Amtsinhaber Boris Palmer zu erkennen.
Alles fängt mit einem verhängnisvollen Unfall an
Der Icherzähler, der englische Journalist Jeremy Ash, fährt mit seinem Wagen vom belgischen Ostende in den Schwarzwald und wundert sich über die merkwürdig gleich klingenden Ortsnamen, die alle auf „ingen“ enden: Wilfingen, Wolperdingen, Vollmaringen, Grünigen, Gründingen, Möggingen, Mötzingen, als wäre kein Wort der Welt ohne eine solche Endung mehr denkbar.
Ingen wie Zwingen. Ein ständiger Klingel- oder Begleitton einer nun fast schon panisch werdenden Orientierungslosigkeit.
Diese erfasst den Fremden vollends, als auch noch die Dunkelheit im tiefsten Schwarzwald hereinbricht und er, durch den Rechtsverkehr völlig erschöpft, einen Abhang hinunter fährt. Nach seiner Rettung findet er sich im Krankenhaus der Kleinstadt Karlsberg wieder. In diesem werden seine Knochenbrüche operiert. Die Operationen gelingen. Anfänglich im Rollstuhl sitzend blickt er zum ersten Mal von der Terrasse des Hospitals auf das altehrwürdige Karlsberg, diese Kleinstadt am Fluss mit seinen vielen Weinbergen, einem Schloss und einer alten Universität. All das wirkt auf ihn wie die Ansichten einer Urlaubsreise. Er kommt auch noch im Krankenhaus liegend mit dem Oberbürgermeister in Kontakt: Alle verunfallten Patienten werden zu einer Imagekampagne des Oberbürgermeisters, mit der er für den öffentlichen Nahverkehr in seiner Stadt Werbung macht und diesem den Folgen des Individualverkehrs gegenüber stellt. Der Icherzähler fühlt sich wie in einem Traum.
Ohne Geld bleibt nur die soziale Ausbeutung
Die Wirklichkeit holt ihn dann aber brutal in den Alltag zurück, als keines seiner Zahlungsmittel akzeptiert wird (sein Konto weist nicht die nötige Deckung auf) und seine Krankenversichung sich weigert, die Kosten in Höhe von 8.724,14 € zu übernehmen. Er wird zu „Zwangsarbeit“ in einer Kindertagesstätte verdonnert, bis seine Schulden abgearbeitet sind. Und so kommt er mit allerlei Bürgerinnen und Bürgern in Berührung, die das hohe Lied auf ihren Bürgermeister Thorwald Burger singen. Es ist ein Wundermann:
Er sprach stakkatoartig, wenn schon keine Lösungen präsentierend, so doch zumindest Schuldige, die diesen Lösungen im Wege stehen – und schon dieser Umstand schien eine Wohltat. Es endlich einmal auszusprechen. In aller Deutlichkeit.
Er mischt überall mit auch mittels Fernsehen:
Zu jedem sich bietenden Thema: Technik und Natur, Rebsorten und Zugfahrpläne, Zahnschmerzen und Fragen von Vernunft und Ethik. Fernsehauftritt erzeugt Fernsehauftritt. Dabei immer im Mittelpunkt der Ereignisse stehend: eine Pandemie, Flüchtlingsströme oder ein Flugzeugabsturz. Was immer auch passierte oder nicht passierte. Er stand parat.
Meister des Absurden mit feinem, englischen Humor
Joachim Zelter ist ein Meister des Absurden. Das hat er schon in seinen vorhergehenden Romanen bewiesen und dieser ist da keine Ausnahme. Wie er seine Heimatstadt und ihren Bürgermeister aufs Korn nimmt, seinen Icherzähler mit Attributen ausstattet, die aus seiner eigenen Vita stammen, ist höchst amüsant zu lesen und oft bricht man in schallendes Gelächter aus. Doch ist es reine Literatur, die Zelter hier vorlegt, eine Literatur, die die Wirklichkeit mit viel Ironie und Groteske zur „Kenntlichkeit entstellt“. Wir folgen dem Erzähler mühelos, wie er auf den Spuren des Oberbürgermeisters durch Karlsberg läuft, über die spektakulärste Fahrradbrücke der Welt, die das Tal überspannt, hinauf zum Wohn- und Arbeitssitz in der Burg des Amtsinhabers Thorwald Burger, der seine Argumente mit exaktem Zahlenmaterial zu unterlegen weiß und als passionierter Schachspieler seinen politischen Gegnern immer einen Zug voraus ist. Für den Engländer Jeremy Ash, der aus einer alten Monarchie kommt, wird der bürgerliche, jedoch omnipräsente Burger auch deshalb zum Gegenspieler, weil er ähnlich wie ein König auftritt, mit allen Insignien eines „hochgestellten“ Herrschers ausgestattet. Der ständige Resonanzboden von außen ermöglicht einen solchen Politiker, es sei durch Dauerpräsenz in der Stadt, in den Medien oder auf den sozialen Kanälen.
Zu Höherem berufen
Hoch oben hat ein ganz kleines Format. Er spielt nur an einem Ort in einer kleinen Stadt in der Provinz, was man allerdings hoch skalieren kann auf größere Formate, weil alles, was Burger macht, sehr populär oder populistisch ist. Und an einigen Stellen dieses Romans wird angedeutet: dieser Politiker könnte nach Berlin gehen und zu Höherem berufen werden. Joachim Zelter entlarvt einen Politikertyp, den wir in der Gegenwart sehr häufig antreffen, auf allen Ebenen. Vom einfachen Bürgermeister bis hin zu Personen in allerhöchsten Staatsämtern, weltweit. Damit hat Joachim Zelter einen Roman zur Zeit geschrieben.
Hoch oben
168 Seiten, Hardcover mit Fadenbindung, Lesebändchen
KrönerEditionKlöpfer im Alfred Kröner Verlag, Preis: 22 €
zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens
Das hört sich wirklich sehr interessant an. Kein Dutzendroman. Verlockt zum Lesen.
Eine sehr konzise und kluge Besprechung, die den Roman bestens auf den Punkt bringt. Ganz im Sinne von Oscar Wilde, für den eine geistreiche Kritik selbst ein literarisches Kunstwerk ist.