Elsternest

Renate Schmidgall fragt: Auf was ist Verlass?

Renate Schmidtgall Kein Verlass auf Uhren und Gestirne

Immer mal wieder geschieht das Unvorhergesehene: Menschen jenseits der sechzig werden erstmalig verlegt. So auch geschehen mit Renate Schmidgall. Der Berliner Verlag Secession hat Gedichte dieser Lyrikerin 2025 herausgegeben.

Die am 26. März 1955 geborene Autorin studierte Slavistik und Germanistik in Heidelberg. Von 1983 bis 1996 war sie Mitarbeiterin am Deutschen Polen-Institut in Darmstadt. Seitdem ist sie freie Übersetzerin für polnische Literatur und hat sich einen exzellenten Ruf für ihre Übertragungen aus dem Polnischen erarbeitet. Über fünfzig Werke über alle Genregrenzen hinweg übersetzte sie: Romane, Erzählungen, Lyrik. Der größte Teil ihrer Übersetzungen erschienen bei Suhrkamp und im Hanser Verlag.

Erste Veröffentlichung in ihrer „zweiten Heimat“ Polen

Ihre erste Veröffentlichung erfolgte dort, wo ihre treuesten literarischen Freunde seit Jahrzehnten wohnen und schreiben, in Polen. Es war eine deutsch-polnische Ausgabe mit dem Titel Pojechać do Weinsberg / Nach Weinsberg fahren aus dem Jahr 2018. Nun endlich hat sich ein deutscher Verlag ihres lyrischen Werkes angenommen.

Klar strukturierter Aufbau

Der Band Kein Verlass auf Uhren und Gestirne versammelt mehr oder weniger chronologisch Gedichte aus den Jahren 1994 bis 2024. Der Band ist in fünf Kapitel gegliedert, die immer Verse aus mehreren Jahren versammeln. Das 4. Kapitel macht da eine Ausnahme. Es umfasst neun Gedichte, die alle um einen Aufenthalt auf Rhodos kreisen.

Das titelgebende Gedicht aus dem ersten Kapitel setzt gleich den Ton, der für Renate Schmidgall charakteristisch ist:

Stirbst du nicht diesen Tod, wirst du
einen anderen sterben. Indessen
spielen Kinder im Sand, bauen Burgen,
die Möwe hinterlässt ihre Spur: flüchtig
wie deine Hand auf meinem Arm.
Bei Vollmond streiten wir uns. Strömung
trägt Land ab, Wind formt Bäume.
Am Kirchturm rostet die Zeit. Kein Verlass
auf Uhren und Gestirne.

Ihre Gedichte sind wie Luken in die Welt. Sie verdanken sich der Erinnerung und der genauen Beobachtung der Umgebung und der gewöhnlichen Dinge. Für sie wohnt das Poetische im Alltäglichen und sie schreibt über Dinge, die uns alle angehen. Fein ziselierte Alltagsbeobachtungen, die sie mit aufmerksamem Blick zutage fördert. Dabei nutzt sie nicht Formen der „moderner Lyrik“, bei denen oft am Ende eines Gedichtes nicht mehr klar ist, was uns der Dichter eigentlich sagen will. Oft verliert sich diese moderne Dichtung in Manierismen. Renate Schmidgall benennt die Dinge beim Namen und reißt sie aus dem chaotischen Strom der Zeit. Eine Alltagserfahrung steht oft in wenigen Zeilen vor dem inneren Auge:

Die Unbeirrbarkeit der Amseln

jeder Ton fein in die Dämmerung graviert
ins Grau des heraufziehenden Tages
der wieder Regen bringen wird

In ihre Lyrik beschreibt sie Kindheitserinnerungen und Eindrücke von Reisen verschiedener Art, Beobachtungen des Alltags, kleine Selbstporträts. Aber auch Ansätze von Liebesgedichten, Impressionen über die Beschaffenheit der Natur. Renate Schmidgall denkt ebenso über den Verfall der Zeit und die Unausweichlichkeit des Todes nach. Dabei halten sich Tiefsinn und Klarheit, intellektueller Anspruch und Verständlichkeit sowie Heiterkeit und Melancholie in ihren Gedichten die Waage.

Heiku Dichtung als Anklang

Oftmals hat man den Eindruck, ihre Gedichte würden der Idee der Haiku-Dichtung folgen: die letzte Zeile ein Konklusion des Geschriebenen, ohne sich der formalen Strenge des Haiku-Gedichtaufbaus zu unterwerfen:

Ein schmaler Streifen Welt

Kreisende Schwalben am bewölkten
Morgenhimmel, das blasse Blau
gesäumt von den Blättern der Erle
die kein Wind rührt

In der Küche summt eine Flieg, der fette
schwarze Ton durchmisst die Luft
gleichgültig. Ein schmaler Streifen Welt
fällt in mein Zimmer

Heute, sagt der Kalender, beginn der Sommer

Auch wenn sie ein klassisches Haiku schreibt, unterläuft sie die Erwartungen des Lesers mit einem Augenzwinkern, indem sie der strengen Form noch eine Zeile mit Abstand anfügt:

Haiku plus

Um fünf die Amsel
und das Grollen des ersten
Fliegers aus Frankfurt

Wem soll ich glauben?

Neben den kurzen und sehr kurzen Texten gibt es einen, der sich über vier Seiten erstreckt und mit Lebenslauf überschrieben ist. Es ist eine Erinnerung und Reflexion über den Vater. Geschickt vermischt sie die Ich-Perspektive mit der Perspektive des Vaters. Dieser Text spricht eigene Erfahrungen mit meinem Vater an, der auch als Soldat durch Europa gezogen ist, von West nach Ost. Es ist ein liebevoller Blick auf ihren Vater, voller Respekt.

Einige Gedichte widmet Renate Schmidgall polnischen Lyrikern und Schriftstellern

Einige Gedichte sind mit Widmungen versehen. z. B. für Adam Zagajewski, der von der FAZ als bedeutendster Lyriker Polens bezeichnet wird. Renate Schmidgall hat einige Werke von ihm ins Deutsche übersetzt und er war es, der sich bei Michael Krüger dafür einsetzte, Renate Schmidgall in Deutschland zu verlegen. (Michael Krüger hat für den vorliegenden Band ein lesenswertes Nachwort geschrieben.)

Gleich mehrfach gedenkt sie Andrzej Stasiuk, dessen umfangreiches Werk sie in weiten Teilen ins Deutsche übertragen hat. Seine liebevolle und detailgetreue Beschreibung der Natur, vermeintlich gewöhnlicher Orte, sowie zwischenmenschlicher Beziehungen haben auf ihre Lyrik abgefärbt.

Michał Książek, einem Ornithologe, Essayist und Dichter widmet sie ein Gedicht über Elstern. Im Gedicht Sommertage denkt sie über ihre „ewigen Beschäftigungen mit den Übersetzungen“ und widmet es Maciej Niemiec.

Den Menschen immer im Blick

Ein weiteres großes, in dieser auf den ersten Blick zarten Lyrik, ist die Zeit und ihr verwegenes Spiel mit uns Menschen. Manchmal heilt sie und manchmal ist sie ein gnadenloser Richter.

Renate Schmidgall kommentiert mit ihren Gedichten ihre Erfahrungen und Erinnerungen. Sie drücken Empfindungen und Beobachtungen aus. Die Form jedes Gedichts unterstützt dabei die Botschaft. Die besondere Kraft der Lyrik kommt bei Schmidgall zur Entfaltung. Sie spricht sowohl Verstand als auch Gefühl an. Dadurch bleiben ihre Gedichte lange im Gedächtnis.

Kein Verlass auf Uhren und Gestirne
Gedichte
Mit einem Vorwort von Michael Krüger
149 Seiten, Englische Broschur
Secession Verlag Berlin, Preis: 18,00 €

Zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

 

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