Renate Schmidgall wurde auf der diesjährigen Stuttgarter Lyriknacht vom Schriftstellerhaus präsentiert. Schon zum 22. Mal findet dieses Format statt, eine Kooperation zwischen dem Literaturhaus, der Stadtbibliothek und dem Schriftstellerhaus. Ich war auf diese, 1955 in Heilbronn geborene Autorin, gespannt, hatte ich doch ihren ersten (!) auf deutsch erschienen Lyrikband mit Freude gelesen und ihn auf meinem Blog besprochen.
Renate Schmidgall arbeitet in erster Linie als Übersetzerin
Renate Schmidgall trat vor allem als Übersetzerin aus dem Polnischen in Erscheinung. Der Wikipedia-Artikel listet weit über 50 Werke polnischer Autoren auf, die sie ins Deutsche übersetzt hat. Darunter so bedeutende Literaten wie Paweł Huelle, Andrzej Stasiuk. Maciej Niemiec und Adam Zagajewski. Die Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarczuk hat sie nie übersetzt, wie sie an diesem Abend beim Einblick in ihre Übersetzungsarbeit erklärte.
Literaturübersetzer, insbesondere die hervorragenden unter ihnen, fangen irgendwann an, eigene literarische Texte zu verfassen. Allerdings scheint Renate Schmidgall ihre Autoren, deren Werke sie übersetzt hat, nach wie vor zu lieben ‒ sonst hätte sie ihnen nicht so viele Gedichte gewidmet. Sie habe seit den frühen 1990er Jahren Gedichte verfasst, erklärte sie dem Moderator Moritz Heger, der die Moderation in seiner unnachahmlichen, etwas umständlichen Art zu später Stunde eröffnete.
Ihr erster Gedichtband erschien in Polen
Gedichte von ihr erschienen in einem ersten Band in polnischer Übersetzung 2018 in dem in Posen (Poznań) ansässigen Verlag Biblioteka Telgte. Auf Deutsch erschienen sie nur vereinzelt in Literaturzeitschriften. Der Berliner Verlag Secession veröffentlichte 2025 den Band Kein Verlass auf Uhren und Gestirne. Diese Veröffentlichung wurde von keinem geringerem als Michael Krüger unterstützt, der sie schon vor dreizehn Jahre verlegen wollte und nun mit einem Nachwort im Lyrikband vertreten ist:
Natürlich habe ich hundert Mal bei bei Verlagen angefragt und hab’ nur Ablehnungen bekommen. Es ist ja auch die Frage, wie alt man ist, wenn man einen Gedichtband publiziert oder überhaupt ein Buch. Es ist sehr schwer, einen Verlag zu finden.
An dieser Stelle möchte ich auf Jane Wels verweisen, die ihren ersten Gedichtband auch erst in etwa gleichem Alter wie Renate Schmidgall erfolgreich veröffentlichte und deren Bücher ich regelmäßig auf meinem Blog rezensiere.
Darüber schreiben, was zu einem kommt
Renate Schmidgall schreibt nur, wenn etwas zu ihr kommt. Nie hat sie eine Schreibwerkstatt besucht:
Geschrieben habe ich immer dann, wenn mir etwas in den Sinn kam… Die Gedichte sind eigentlich immer dadurch entstanden, dass ich aus dem Fenster geguckt habe oder woanders hin. Sie entstanden aus ganz genauer Beobachtung auch ganz alltäglicher Dinge zum Teil. Manche auch aus Sätzen, die mir in den Sinn kamen, auch von polnischen Autoren.
Aber die von ihr übersetzten polnischen Lyriker werden von ihr als Lehrmeister angesehen. Sie sei eher eine „polnische Lyrikerin“ als eine deutsche. Vom eigenen Scheiben hätte sie nie leben können und sie gesteht, dass die Übersetzungsarbeiten für sie ein Quell tiefer Befriedigung seien.
Diese Leichtigkeit und das Unprätentiöse werden erfahrbar, wenn sie an diesem Abend ihren Gedichten durch Lesen Raum gibt. Es muss nichts weiter dazu gesagt werden. Die Gedichte entziehen sich dem Versuch, sie zu zerreden.
Damals
pflügte ich Mohn flogen Vögel
fädelten wir Augenblicke auf die Schnur der Zeit
schlug das Meer ans Uferbis Flaschenpost ankam
das schwarze Herz bloßgelegtdie Vögel längst im Süden
Wer Gedichte – wie dieses und viele andere – verfassen kann, muss als große Lyrikerin gefeiert werden. Schön, dass diese wichtige Stimme in der Lyrik vom Schriftstellerhaus an diesem Abend vorgestellt wurde.
