
Der Umbau des Stuttgarter Bahnknotens (Projekt S 21) begann 2010 mit der spektakulär inszenierten Anhebung eines Prellbockes. Alle Projektbefürworter und Spitzen aus Wirtschaft und Politik nahmen daran teil, wie auch etliche Demonstranten, die dieses Projekt für einen großen Unsinn hielten und halten. Seitdem gibt es regelmäßig immer montags eine Demonstration gegen dieses Projekt.
2019 sollte das Projekt fertiggestellt sein und man hatte die Kosten im Finanzierungsvertrag von April 2009 mit 4,526 Milliarden Euro festgeschrieben. Seitdem haben sich die Kosten kontinuierlich erhöht (aktuell geht man von einem Projektvolumen von 11,3 Milliarden Euro aus.), trotz des Schwures des damligen DB-Chefs Rüdiger Grube am Prellbock, das dieses nie eintreten werde. (Ein sehr großzügiger finanzieller Puffer hatte man eingerechnet.) Der Fertigstellungstermin wurde – je näher das avisierte Bauende rückte – Jahr um Jahr verschoben, zuletzt auf Ende 2026. Auch diese Verschiebungen sprechen den Aussagen aller Projektbefürworter zu Beginn des Projektes Hohn, das sei das bestgeplante Projekt in Deutschland.

Die neue Bahnchefin Evelyn Palla lehnt es mittlerweile ab, einen neuen Termin zu nennen. Sie wolle erst einmal das ganze Projekt evaluieren und sich einen Überblick über das Projekt machen.
Einen Blick werfen
Am 24. Januar konnte ich mir selber ein Bild vom Fortschritt der Baustelle am Hauptbahnhof machen. Die Führung machte die Diplom-Ingenieurin im Bauwesen Anne Föhl-Müller, die für die Freien Wähler im Gemeinderat von Korntal-Münchingen sitzt. Sie organisiert solche Führungen regelmäßig, denn sie ist beruflich und ehrenamtlich eng mit dem Projekt verbunden. Dementsprechend positiv ist das Bild, das sie von dem Projekt Stuttgart 21 zeichnete.

Die lange Einführung in das Projekt im Info-Turm bringt für mich nichts Neues. Danach geht es auf die Baustelle. Hier wird ein Loblied auf die Architektur des neuen Bahnhofs angestimmt. Ja, die Kelchstützen sind schon imposant. In die zukünftige Bahnsteighalle fällt an diesem sonnigen Samstag viel Licht durch die „Glasaugen“. Heute erstrahlen die Kelchstützen in einem freundlichen, hellen Grau. Die Nahtstellen der Betonschalungen wollte Architekt Ingenhoven eigentlich nicht haben. Aber er wurde davon überzeugt, dass es ohne die nicht geht. Immerhin bilden alle Stoßstellen aufgrund der exakten Planung ein durchgehendes Geflecht dieser Schalungsstreifen. Eine echter Hingucker. Wie lange diese hellen Flächen freundlich hell bleiben, bleibt abzuwarten. Graffiti-Künstler werden sicher von der Video-Totalüberwachung der Halle abgeschreckt …
Platzangebot im S 21 Bahnhof

Es ist absehbar, dass es auf den Bahnsteigen zu gefährlichem Gedrängel kommen wird. Die engsten Durchgänge der Bahnsteige sind nur zwei Meter breit (an den Kelchstützen). Am modernen Fernbahnhof Frankfurt Flughafen sind es immerhin 2,85 m und schon dort erscheinen mit die Bahnsteige schmal, wiewohl hier kein großes Passagieraufkommen zu verzeichnen ist. Sollte die erhoffte Steigerung der Zugreisenen in den nächsten Jahren eintreten, wird es sicher an der ein oder anderen Stelle zu deutlichen Engpässen kommen. Ein gutes Beispiel ist der Hamburger Hbf. Auch dort halten Züge hintereinander, der Bahnhof ist stark überlastet und ein Schwachpunkt im Schienenverkehr.
Die Zugänge zu den Gleisen in Stuttgart vom Straßenniveau hinunter erfolgt mittels Treppen, sehr vielen Rolltreppen und futuristischen Aufzugsanlagen. Wie soll das im realen Betrieb funktionieren, fragt man sich, kämpft doch die Bahn täglich mit defekten Rolltreppen und Aufzügen an vielen Bahnhöfen deutschlandweit. Im Brandfall müssen natürlich dann auch alle Fahrgäste über die schmalen Stufen hinauf zum Licht.
Die neuen Kästen für die Steuerung der Züge (European Train Control System, ETCS) sind überall im Gleisbett zu sehen. Thales hatte 2020 den Auftrag zur Errichtung des ETCS erhalten.
Dabei ist das ganze System nichts Neues: Seit 2002 ist der Einsatz von ETCS für neue transeuropäische Hochgeschwindigkeitsstrecken durch EU-Recht vorgeschrieben, seit 2006 auch für Ausbaustrecken. Seit 2017 ist das Eisenbahnnetz in Luxemburg, seit 2018 das Normalspurnetz der Schweiz (nahezu) sowie seit Ende 2025 Belgien vollständig mit ETCS ausgerüstet. Für den Bahnhof Stuttgart fing man mit der Planung dieser Signaltechnik erst 2020 an! Dieser späte Planungsbeginn nervte nicht nur den Verkehrsminister Winfried Hermann. Im Jahr 2024 verkaufte der Generalunternehmer für die Signaltechnik, Thales, seine Verkehrssparte an Hitachi, weitere Projektverzögerungen und Probleme waren die Folge.
Ein Juwel der Bahnhofsarchitektur wird durch S 21 geschleift
Ein Rundgang durch die große Abfertigungshalle zeigt ein Bild des Grauens. Hier hat man von der ehemaligen, imposanten Architektur nur noch die äußeren Wände stehen gelassen und das Wahrzeichen des ehemaligen Bahnhofs, seinen Turm. Läden und ein Hotel sollen demnächst eingebaut werden und es ist zu befürchten, dass hier der Einheitsbrei des auf allen deutschen Bahnhöfen anzutreffenden Angebots zu finden sein wird. Wann diese Halle fertig wird, ist nicht ersichtlich. Hier ist aufgrund des Denkmalschutzes viel kleinteilige Arbeit zu verrichten. Es zeigt sich an diesem Beispiel einmal wieder mehr, wie bremsend der Denkmalschutz bei der Umsetzung von Bauprojekten wirkt.
Fazit
Neue Erkenntnisse zur Fertigstellung und endgültiger Inbetriebnahme des Bahnknotens Stuttgart 21 (S 21) gibt es nicht. Die Argumente der Gegner des Projektes haben sich in vielen Punkten bewahrheitet (Explosion bei den Kosten, mangelhafte Planung des Gesamtprojektes, Zeitplan unrealistisch etc.) einiges hat sich als Übertreibung herausgestellt (Einsturz der LBBW-Fassade, Neigung des Bahnofsturms, das Projekt sei umkehrbar, Gerichte würden das Projekt stoppen und der Kopfbahnhof sei zu retten).
Die Bebauung der frei werdenden Flächen ist auf absehbare Zeit nicht zu erwarten. Ob die Kosten von 11,3 Milliarden reichen werden, ist mehr als unwahrscheinlich. Aber wie sagte ein Teilnehmer am Rundgang: Man müsse ja 19 % Mehrwertsteuer abziehen, die der Staat durch das Projekt einnähme und die Lohnsteuern auf die menschliche Arbeit sind auch gegenzurechnen! Mit einem so einfachen Weltbild lässt es sich gut schlafen.