Ulrike Schäfer ist im Schriftstellerhaus eine alte Bekannte: 2015 war sie als Stipendiatin im Schrifstellerhaus, damals machte sie den Feinschliff für ihren ersten Erzählungsband Nachts, weit von hier. Seither habe ich sie immer wieder getroffen, wenn sie in Stuttgart weilte und besuchte auch ein Schreibseminar bei ihr.
Starke Texte treffen nicht immer auf große Publikumsresonanz
Das Schriftstellerhaus stellt sie und ihren neuen Band am 16. September 2026 im Hospitalhof vor. Trotz breiter Werbung war die Resonanz auf die Veranstaltung leider nur gering: Ein Dutzend Zuhörer füllten den knapp 200 Quadratmeter großen Raum, der für 150 Personen ausgelegt ist. Oft sind es ja die leisen Töne und die Zwischentöne, die beim Publikum nicht so gut ankommen. Sehr schade, denn gerade jetzt, in Zeiten der Grobschlächtigkeiten, sind die präzisen Beobachtungen solcher Autorinnen so wichtig und hilfreich.
Moritz Heger hat mit Kurzgeschichten große Erfahrung
Moritz Heger kennt das Kurzgeschichtengenre gut. Das merkte man seiner Moderation an: Als Leiter der Schreibwerkstatt Junges Schriftstellerhaus hat er ein Gespür für den Aufbau, die Struktur und die Stimmungen, die eine gute Geschichte ausmachen. Seine Fragen und Einlassungen zu dem neuen Band von Ulrike Schäfer sind präzise gesetzt und zeigen seine fundierten Kenntnisse der darin versammelten Kurzgeschichten.
Wie sie eingangs erwähnte, hat sich Ulrike immer wieder an Romanen versucht. Bereits 2007 besuchte sie die Romanwerkstatt von Peter Renz im Schriftstellerhaus. Aber sie merkte schnell, dass ihr die kurze Form mehr zusagt. Trotzdem hat sie nach dem ersten Band einen erneuten Anlauf für einen Roman genommen. Dieser Versuch ließ sie in eine veritable Schreibkrise abrutschen. Erst als sie sich wieder der kurzen Form zuwandte, fasste sie erneut Tritt. Dieses tastende, immer wieder Ausprobieren des Schreibens führt sie nun zu längeren Texten. Sie kann sich vorstellen, demnächst noch längere Texte zu schreiben. Wir kennen solche Texte von Dieter Wellershoff, Ralf Rothmann oder auch T.C. Boyle. Die auf zwanzig bis 60 sechzig Seiten mehr ausdrücken als manch geschwätziger Roman.
Wie ihre Geschichten entstehen
Geschichten kommen nicht einfach so zu ihr. Obwohl sie vieles andeuten, müssen die Fakten bei Ulrike stimmen.
Heger: „Es ist gar nicht so leicht, eine Geschichte von dir zu sein. Da muss man (sich) ganz schön …
also bis wirklich gesagt wird: So, es ist fertig, es kann hinaus ans Licht der Welt. Das ist nicht so ohne…“Ulrike: „Ja ne, da muss man sich anstrengen als Geschichte“
Heger: „Das merkt man den Geschichten auch an, dass sie sich ganz schön angestrengt haben. Wie muss man sich deinen Schreibprozess vorstellen?“
Ihr Schreibprozess ist „skrupulös“. Sie hat eine gute Begabung dabei, sich selber im Weg zu stehen. Es gibt Geschichten, die musste sie zunächst beiseite legen, da sie selbst noch nicht die Autorin war, die in der Lage war, sie zu schreiben. Dann legt sie sie beiseite, wendet sich anderen Geschichten zu und nimmt sie später wieder auf.
Ulrike Schäfer meint: Kein Fehler, ein Feature!
Inzwischen glaube ich verstanden zu haben, dass das kein Fehler ist, sondern ein Feature bei mir. Das ich entspannt sagen kann, das ist jetzt so. Ich muss warten, sodass es mal oft meist längere Geschichten parallel gibt, an denen ich nicht gleichzeitig arbeite aber die vielleicht in irgendeinem Stadium im Moment noch darauf warten, fertig geschrieben werden zu können.
Drei Geschichen liest Ulrike Schäfer an diesem Abend
Mit drei Geschichten aus dem Band gibt sie uns Einblick in ihre Schreibwerkstatt. Die erste, überschrieben mit Risse, erzählt von einem achtjährigen, autistischen Jungen, der Aufzeichnungen über die Antarktis schreibt und sich in eine Forschergruppe in der arktischen Forscherstation Valy 5 um die finnische Forscherin Elly Heikki
ihe
nnen imaginiert. Seine Fantasiewelt tritt in Konkurrenz zur realen Welt, was für den Jungen nicht gut ausgeht…
In der zweiten Geschichte, Agenda, beschreibt sie ein Projektteam, das eine neue Software für einen problematischen Kunden entwickeln soll. Ein Gebiet, das Ulrike aus ihrem früheren Berufsleben gut kennt. Sie selbst war in der IT-Branche tätig. Und wieder, wie bei der ersten Geschichte, schafft es Ulrike Schäfer genial das Ende des Konflikts anzudeuten, ohne es mit Worten hinzuschreiben. Es ist der Ulrike-Schäfer-Sound, mit dem die Geschichte ausklingt.
Die dritte Geschichte, Für immer, habe ich bereits ausführlich besprochen (Besprechung hier). Es ist eine Geschichte mit kriminalistischer Psychologie, die auch aus der Feder von Patricia Highsmith hätte stammen könnte. Es ist gut, dass Ulrike Schäfer die Spannung am Ende auflöst und die Zuschauer zwar mit einem Schauer über den Rücken entlassen werden aber auch mit dem Gefühl: Gut So!!
Schmaler Grad
Erzählungen
184 Seiten, geb. mit Schutzumschlag und Lesebändchen
KrönerEditionKlöpfer im Alfred Kröner Verlag, Preis: 22 €
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