Ulrike Schäfer betritt mit ihrem neuen Band von Erzählungen Schmaler Grat zum zweiten Mal die literarische Bühne der Kurzgeschichte. 2015 legte sie ihr Debüt bei Klöpfer und Meyer vor: Nachts, weit von hier. Zehn Jahre später ist er wieder zu lesen, der Ulrike-Schäfer-Sound. Leicht schwebend, oft raunend, aber auch präzise. Fünfzehn neue Geschichten präsentiert sie im vorliegenden Band. Veröffentlicht in der Edition Klöpfer im Kröner Verlag. Ulrike Schäfer schafft es, den Leser förmlich in die Geschichten hineinzuziehen, egal ob sie lakonisch oder dramatisch erzählt sind. Wie auch beim Vorgängerband wählt die Autorin häufig die Ich-Perspektive für ihre Erzählungen und kommt atmosphärisch dadurch noch näher an den Leser.
Seelenlandschaften werden durchstreift
Tief taucht sie in die Seelenlandschaften ihrer Figuren ein. Und sie nutzt ungewöhnliche Bilder:
Ihr Mann ist irgendwie formlos, eine sich um die Cousine herumschmiegende Nichtperson.
Aus „Für immer“
Der Mann einer Cousine ist bei Brit gestrandet, eine Autopanne zwingt ihn, seine Dienstreise zu unterbrechen. Da bietet sich die Wohnung von Brit an. Ihr ist das nicht recht. Sie empfindet Unwohlsein dabei. Sie ist einsam seitdem ihr Mann verstarb. Und dieser Mann dringt nun in einer Weise in ihr Reich ein, die sich auch ein Alfred Hitchcock hätte ausdenken können: das langsame Anschleichen einer Bedrohung.
Die Umarmung währte einen haarfeinen Spalt zu lang, in dem Brit ein merkwürdiges Gefühl befiehl, seine Arme überall zu sein schienen, eine Umschlingung.
Er macht sich nützlich in der Wohnung der Witwe, wie es nur Männer machen können. Sein Aufenthalt zieht sich hin, bis wieder ein Unglück passiert …
Präzise Beobachterin
Ulrike Schäfer schaut genau hin und erzählt präzise. Egal, ob es eine Familiensituation ist, die Sorge einer Frau um ihren autistischen Sohn, wenn ein Verdacht auf Krebs sich erhärtet, eine berufliche Auseinandersetzung um die Ablösung eines Softwareproduktes bei Kunden des Konzerns oder die einer Pflegekraft, die versucht, Covid-Patienten zu retten. Ulrike Schäfer scheint mit solchen Situationen vertraut zu sein, ihre detaillierten Beschreibungen lassen diesen Schluss zu.
Erzählen auf verschienden Ebenen
Sie vermag, gegenwärtige Katastrophen mit den inneren Landschaften ihrer Figuren zu verzahnen wie z. B. in der Geschichte Familien. Die Buchhändlerin Helen wird von einem Einbrecher überrascht. Dieser gesteht ihr, dass er seine Frau getötet hat. Ein Totschlag.
Die äußere Bedrohung stellt Ulrike Schäfer einer inneren gegenüber: Helen hat eine Leukemieerkrankung überwunden. Davon erzählt Helen dem Einbrecher und lenkt ihn so ab. Allerdings „dichtet“ sie die Erkrankung ihrer jüngeren Schwester an. Diese kam in der Buchhandlung als Sturzgeburt zur Welt. Die Mutter schaffte es nicht mehr ins Krankenhaus und kam auf dem Teppich im Verkaufsraum nieder. Das Teppichstück wurde später herausgeschnitten und durch ein Stück Teppichrest ersetzt.
Wieder muss Helen ihre Buchhandlung reinigen. Reinigen von der beängstigen Begegnung mit dem Fremden, der ihr Auto gestohlen hat, um vor seiner Tat zu fliehen. Sie „schneidet den Mann raus“, der kein Recht hat, in ihrer Buchhandlung zu verbleiben.
Das Erstlingswerk ist wieder aufgelegt
Auch nach der Lektüre der fünfzehn Storys von Ulrike Schäfer hallt der Sound der Geschichten lange nach, wiewohl man das Buch zugeklappt hat. Der Leser kann sich glücklich schätzen, dass der Verlag ihr Erstlingswerk wieder aufgelegt hat und man zum zweiten (ersten) Buch greifen kann, um sich von weiteren Geschichten verzaubern und verstören zu lassen.
Schmaler Grad
Erzählungen
184 Seiten, geb. mit Schutzumschlag und Lesebändchen
KrönerEditionKlöpfer im Alfred Kröner Verlag, Preis: 22 €
zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Lieber Michael, ich freue mich riesig über du deine Rezension, die so vieles enthält, das mir wichtig ist. Auch die Auswahl der Geschichten, die du exemplarisch beschreibst, und die Art, wie du es tust und was du hervorhebst, freut mich sehr! Ganz großes Dankeschön dafür – und auch dafür, dass du den „Erstling“ erwähnst und dass er wieder in der Welt ist.
Herzliche Grüße, in Vorfreude aufs Wiedersehen in Stuttgart nächstes Jahr,
Ulrike