Elsternest

Walle Sayer mit neuem Gedichtband im Schriftstellerhaus

Walle Sayer liest aus seinem neuen Gedichtband im Schriftstellerhaus

Walle Sayer ist seit vielen Jahren immer wieder zu Gast im Schriftstellerhaus. Er ist ein produktiver Lyriker, der auf mehr als 14 Lyrikbände zurückschauen kann, die er geschrieben und veröffentlicht hat. Einige Werke mit Kurzprosa ergänzen die Lyrik. Wobei man bei seinem Werk nicht immer scharf zwischen Lyrik und Kürzestprosa trennen kann. Darauf verweist Moritz Heger am 13. April 2026 in seiner einführenden Moderation.

Das Schriftstellerhaus ist an diesem Abend außergewöhnlich gut besucht. Viele alte Weggefährten des Autors sind gekommen, um ihn aus seinem neuen Gedichtband Etwas wie ein Koffer, aus dem ein Hemdzipfel schaut lesen zu hören (eine ausführliche Rezension siehe hier). Seine letzte Lesung in der Corona-Krise konnte nur per Video stattfinden. Aufgrund der Beschränkungen wären die heute zur Lesung gekommenen 27 Zuhörer in dem kleinen Raum nicht gestattet gewesen.

Kurze Moderationen – lange Lesepassagen

Nach der kurzen Einführung in das Werk von Walle Sayer beginnt er mit einer ersten von zwei ausführlichen Lesepassagen aus seinem in sieben Kapitel unterteilten Lyrikband. Das Kapitel in der Mitte des Bandes (IV Die Detailsammlung aufschlagen) enthält eine Sammlung von nicht betitelten Kürzestgedichten, die er seinem Verleger Hubert Klöpfer gewidmet hat. Und gleich ist er da, der unverkennbare Walle Sayer Sound, mit dem er seine Zuhörer in den Bann schlägt.

Seine Stimme, dialektgefärbt, geben seinen Texten einen unaufgeregten, ruhigen Ton. Obwohl er vor dem Publikum sitzt, scheint er in dem beengten Raum des Schriftstellerhauses mit seiner Zuhörerschaft zu verschmelzen, sein Stimme überwindet die kurze Distanz mühelos. Bei vielen seiner gekonnten Sprachbilder entlockt er ihnen ein Lachen, ein anerkennendes Wort. So entsteht eine lebendige Interaktion zwischen Publikum und Walle Sayer.

Walle Sayer – ein Weltenbummler in dörflicher Umgebung

Das Kleine und das Große verbinden sich bei Walle Sayer in den eigenen Worten. Er ist ein Weltenbummler, der seinen eigenen Geburtsort nie verließ. Geboren in Birlingen hat er seinen Wohnsitz nicht wirklich aus diesem dörflichen Umfeld hinaus verlassen (heute wohnt er 13 km weiter nördlich). Und doch zeigt er in seinen Gedichten den weiten Blick des Lyrikers, der wiederum die Details treffsicher in wenigen Worten ausdrücken kann. Seine Verse leben von Erfahrungen, die er tagtäglich macht und so heißt das erste Kapitel auch Tageskrümel. Der Alltag, das Leben rühren ihn an. Immer wieder betrachtet er das Spektrum, das unmittelbar vor ihm liegt. Dabei kann es schon vorkommen, dass er aus einem „Sprungtuch aus Duft“ fällt, um eine „Erinnerung zu skizzieren“. Indem er das Innenbild, das Sinnbild und das Abbild betrachtet, setzt er Bilder in Bilder. Und es entsteht ein Hallraum. Oft nur aus zwei Worten bestehend, dadurch entsteht Weite und bekommt eine ganz andere Dimension. Walle Sayer zitiert zur Veranschaulichung Peter Bichsel, der gesagt hat:

Das ist eine Geschichte, dieser eine Satz

Verständlich vom Unverständlichen sprechen

Es gibt eine religiös mystische Dimension bei Walle Sayer, die immer wieder in seinen Gedichten anklingt. Dazu fällt ihm ein Zitat des amerikanischen Dichters Charles Simic (1938-2023) ein, der vom Gedicht als Mysterientheater spricht. Religiöse Bilder schimmern immer wieder aus seinen Texten, sei es, wenn er von den „oblatendünnen Stellen an den Sohlen“ spricht oder der Jordan im lyrischen Bild auftaucht. Sein Ministrantendasein und die Mitgliedschaft im dörflichen Fußballverein in seiner Jugend haben die Bilderwelt von Walle Sayer geprägt und bilden das Fundament, aus dem er in seinem Schaffen schöpft.

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