Walle Sayer aus Horb/Baden-Württemberg, hat gerade einen neuen Gedichtband vorgelegt: Etwas wie ein Koffer, aus dem ein Hemdzipfel schaut. Vielfach wurde Walle Sayer für seine Lyrik ausgezeichnet: mit dem Thaddäus-Troll-Preis (1994), dem Basler Lyrikpreis (2017), dem Gerlinger Lyrikpreis (2018) und vielen anderen mehr. Über viele Jahre hinweg publizierte Hubert Klöpfer ihn in seinem Verlag. Ein ganzes Kapitel mit Miniaturen hat er seinem Freund Klöpfer gewidmet. Seine neueren Bände sind bei den „Nachfolgern“ von Hubert Klöpfer erschienen, aktuell ist es die KrönerEditionKlöpfer im Alfred Kröner Verlag.
Haptisch ansprechende Aufmachung
Der neue Gedichtband ist schön gestaltet. Er hat einen Schutzumschlag aus festem Papier mit einer Haptik von Leinenstoff. Der braun-ockerfarbene Einband ist mit einem Lesebändchen versehen. Lediglich das Fehlen eines Inhaltsverzeichnisses ist diesem schön gestalteten Band anzukreiden.
Auf 128 Seiten breitet Walle Sayer seine Gedichte aus, unterteilt in sieben Kapiteln. In denen entfaltet Walle Sayer seine Dichtkunst. Es sind oft knappe, immer genaue Beobachtungen alltäglicher Kleinigkeiten. Es entsteht der Eindruck, es handele sich um Zen-Meditationen. Auf kleinstem Raum verdichtete Beobachtungen, frei von jedem Schnörkel.
Verknappung als Prinzip von Walle Sayer
In den Künsten des Zens ist die Formvollendung zentral bei der Vervollkommnung des Künstlers. Schlicht und klar sind die Formen. Wer Tuschemalereien in den Zen-Klöstern betrachtet hat und ihre Reduktion bewundert, kann sich sofort in die Lyrik von Walle Sayer versenken. Seine Miniaturen und Gedichte wirken „entschlackt“ und man vergisst den enormen Aufwand, den ein versierter Lyriker wie Walle Sayer aufbringt muss, um Zeilen von dieser Schönheit zu verfassen. Der Künstler tritt völlig in den Hintergrund. Er will nichts sagen, er will, dass der Inhalt durch die Gedichte schimmert.
Perspektive
Schwierigkeitsgrade des Kinderleichten,
wenn wir vor lauter Langeweile
nachmittags herumturnten
an der Schaukelstange,
wie an einem ersten ReckAn dieser Schaukelstange,
an der auch Teppiche ausgeklopft wurden.
Mit jenem Klopfer, der einem
auch den Arsch versohlte.
….
Die Reflextionen der eigenen Kindheitserfahrungen enden mit einem lyrischen Bild und schließen aus dem Blickwinkel des Kindes:
Auf dem Kiel
seines Daches
trieb das Haus
Immer wieder tauchen Bilder aus seiner eigenen Kindheit auf, die er in poetische Worte kleidet. Er war Messdiener, wie er einmal in einem Interview verriet, und er greift auf die Jugendzeit zurück, wenn er einigen Gedichten den Rhythmus und die Form einer Litanei oder einer Anrufung verleiht. Es ergreift mich, denn ich kenne diese religiösen Formen und Rituale sehr gut und sie erzeugen beim Lesen eine Resonanz in mir. Dieses tiefe Anrühren durch Walle Sayers Verse ist wunderbar.
Selbst die banalste Tätigkeit wird bei ihm zur Fundgrube eines Gedichts. Der Augenblick, die Wendung, das Alltägliche wird zur Poesie:
In einem Straßencafé sitzen und eine Postkarte an sich selber scheiben
Einer hastet seiner Abfahrtszeit hinterher.
Der Zielstrebige tritt auf den Mattglanz eines Stolpersteins
Ein Flaschensammler, abgetrieben vom Mülleinmer zu Mülleimer
Um nicht auseinandergerissen zu werden
hält sich das Liebespaar an der Hand
Die Spatzenschar,
die nicht aufschreckt vom Martinshorn,
weitersucht nach Krumen zwischen den Tischen
An einem davon ich sitze
herumrühre in meiner Tasse
und jemand bin, der hineinblickt
in die Stromschnellen.
In unserer schnelllebigen Zeit, in der die Selbstdarstellung in den sozialen Medien zelebriert wird, bleibt die Hoffnung, dass wir weiterhin auf Menschen treffen, die sich dem entziehen. Menschen, die mit einem Füllfederhalter Postkarten schreiben oder Verse verfassen, wie es Walle Sayer tut.
Etwas wie ein Koffer, aus dem ein Hemdzipfel schaut
Gedichte
128 Seiten, geb. mit Schutzumschlag und Lesebändchen
KrönerEditionKlöpfer im Alfred Kröner Verlag, Preis: 22,00 €
zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Das ist wirklich sehr schön, grade in der heutigen Zeit.