Elsternest

Alex Garland drehte Civil War – die USA am Rande des Abgrunds

Alex Garland stellt die Fotoreporterin Lee in den Mittelpunkt seines Films. Link zum TrailerDer Film folgt der Fotoreporterin Lee und ihren Kollegen. Ausschnitte in diesem Filmtrailer hier klicken. (Foto: Screenshot youtube, offizieller Trailer)

Schon in den Eingangsszenen wird klar, es geht nicht um den Bürgerkrieg zwischen 1861 und 1865, sondern um die Gegenwart oder besser gesagt, in einer nicht allzu fernen Zukunft.
Regisseur und Drehbuchautor Alex Garland lässt die Vorgeschichte bewusst außen vor. Indem er die Western Forces als eine Allianz aus Kalifornien und Texas vorstellt, umgeht er geschickt den aktuellen Gegensatz zwischen republikanisch und demokratisch orientierten Staaten der USA und bewahrt den Film so vor einer Anklage oder einer Parteinahme.

Worum geht es – die Ausgangslage des Films

Die USA ist im Chaos versunken, die abtrünnigen Staaten haben dem US- Präsidenten (Nick Offerman) den Krieg erklärt. Die sogenannten Westlichen Streitkräfte sind auch bereits auf dem Weg in die Hauptstadt, mit dem Ziel, den Präsidenten zu entmachten. Reporter Joel (Wagner Moura) und die Kriegsfotografin Lee (Kirsten Dunst) sehen darin eine einmalige Chance: Sie wollen sich den Kriegstruppen anschließen und mit ihnen bis nach Washington reisen, in der Hoffnung, noch ein Interview mit dem Präsidenten zu führen – das vermutlich letzte in seiner Funktion. Begleitet von dem New-York-Times-Urgestein Sammy (Stephen McKinley Henderson) und der Nachwuchsfotografin Jessie (Cailee Spaeny) beginnen sie einen Roadtrip durch die halb zerstörten Vereinigten Staaten. Jetzt, nur wenige Monate vor den US-Wahlen im November 2024, trifft der Film voll ins Schwarze.

Von der Normalität ins Chaos

Regisseur und Drehbuchautor Alex Garland hat Civil War gemacht
Die Fotoreporterin Lee hält mit ihrer Kamera fest, was ihr Reporterkollege Joel und der New-York-Times Reporter Sammy in Worte fassen müssen. (Foto: Screenshot youtube vom offiziellen Trailer)

Äußerlich ist zunächst gar nicht so vieles anders. Die ersten Szenen zeigen ein New York, in dem der Verkehr nicht wie üblich fließt. Langsam wird klar: auffallend viele Fahrradfahrer sind unterwegs, anderswo stehen Autos wie nach einer Karambolage. Dazu gibt es Aufnahmen aus dem Weißen Haus, wo Nick Offerman als Präsident eine Rede übt, in der er etwas vom „überwältigenden Sieg“ erzählen will. In New York kommt es zum Tumult um einen Wagen mit Wasservorräten. Plötzlich explodiert eine Bombe. Lee (Kirsten Dunst) ist sofort mit ihrem Fotoapparat zur Stelle. Kurz vorher hat sie noch die junge Kollegin vor einer Dummheit bewahrt.

“Every time I survived a war zone, I thought I was sending a warning home: don’t do this.”

Es stellt sich heraus, dass Jessie (Cailee Spaeny) ein Fan der Kriegsfotografin Lee ist und selbst Ambitionen hat, in ihre Fußstapfen zu treten. Wie ehrgeizig sie sie verfolgt, zeigt sich am nächsten Tag, als es ihr gelungen ist, sich bei Lees Kollegen, dem Reuters-Reporter Joel (Wagner Moura), so einzuschmeicheln, dass er sie auf den gefährlichen Trip mitnimmt, den er zusammen mit Lee Smith plant. Sie wollen nach Washington, um den Präsidenten zu interviewen. In der Hauptstadt würde man Journalisten erschießen, wendet »New York Times«-Kollege Sammy (Stephen McKinley Henderson) ein. Aber dann sitzt er mit im Jeep Ford-Excursion.

Die vier verkörpern verschiedene Seiten des Journalismus: jung und alt, seriös und sensationsgierig, Foto und Text. Aber angesichts der Realität, die sie auf ihrer Fahrt durch ein Amerika im Bürgerkrieg antreffen, spielen die Gegensätze keine Rolle mehr.

Die Grausamkeiten des (Bürger-) Krieges werden nicht ausgespart

Jessie (Cailee Spaeny) ist fassungslos angesichts der Grausamkeiten, die sie erlebt.
Die junge Fotoreporterin Jessie (Cailee Spaeny) ist fassungslos angesichts der Grausamkeiten, die sie erlebt. (Foto: Screenshot youtube, offiz. Trailer)

Alex Garland gelingen großartige Szenen in denen er in der Gegenwart das Vergangene aufscheinen lässt. Und er beleuchtet die mythischen Selbsterzählungen, die Amerika ausmachen. Der Film zeigt nicht nur den Horror eines unerbittlichen Bürgerkrieges: Zwischen Leichen, die von Autobahnbrücken hängen, und Tankstellenbesitzern, die im Hinterhof Plünderer foltern, stoßen die Journalisten auch auf solidarisches, improvisiertes Zusammenleben oder auch auf ein Kleinstädtchen. Dort scheint wie durch ein Wunder die Welt noch in Ordnung zu sein („wir halten uns hier raus“). Bis sie die patrouillierenden Scharfschützen auf den Dächern entdecken.

Bei alledem steht Kirsten Dunst (als Kriegsreporterin Lee) im Zentrum. Sie stellt den erschöpften Weltüberdruss mit jeder Faser ihres Körpers dar. Sie spricht nie viel, aber in ihrem müden Blick spiegeln sich die vielen Verbrechen, die sie mit ihrer Kamera dokumentiert hat. Sie ist ohne Illusionen, denn sie hat auf allen Erdteilen gesehen, was Menschen einander antun. An ihr nagt das ohnmächtige Schuldgefühl, die Aufnahmen von diesen Taten mit eigener Untätigkeit erkauft zu haben. Die Anfängerin Jessie – für die die erfahrene Fotoreporterin das große Vorbild ist – muss das vom Lee Smith noch lernen: Fotografen greifen nie ein, sondern dokumentieren nur.

Und trotz dieser beobachtenden Haltung, scheitert Lee Smith am Ende des Films. Im einem Krieg gibt es keine Heros. Wer ist Gewinner, wer Verlieren? Der Film ist ein Faustschlag in den Magen der Zuschauer und Alex Garland zeigt damit seinem Publikum – egal welcher politischen Richtung es angehört – wohin auch westliche Demokratien abdriften könnten, wenn ihnen die Idee einer geeinten Nation abhanden kommt, weil die Positionen zu unversöhnlich geworden sind.

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