Elsternest

Bahnhof weiterdenken – mit Blick aufs Ganze

S21 Alternative Kopfbahnhof
So könnte es aussehen … (Vorstellung der Kopfbahnhoffreunde)

 

Konrad Nestle hat den Gegenentwurf der S21 Kritiker unter die Lupe genommen und in folgenden Gastbeitrag begründet er seine Kritik an der Vision des neu gestalteten Bahnknotens Stuttgart. Ich bin froh, dass er mit der Veröffentlichung im Elsternest einverstanden war, spricht er mir doch in vielen Punkten aus der Seele. Mittlerweile mischt sich der BUND wieder in die Diskussion um das Verkehrskonzept ein und fordert seinerseits ein Umdenken hin zu einem Kombibahnhof. Warum die S21 Gegner sich diesen wichtigen Bündnispartner nicht anschließen, erschließt sich mir nicht. Hier nun der Beitrag von K. Nestle:

Die Krise von S21 birgt die Notwendigkeit, über Alternativen nachzudenken

Neuer Schwung in der Diskussion über den Stuttgarter Bahnhof, wie er sein soll und sein kann, ist wunderbar! Die ursprünglichen Broschüren über S 21 und K 21, seinerzeit in mehreren Auflagen aktualisiert, sind längst vergriffen. Die offensichtliche Krise des Projekts S 21 bringt Menschen wieder dazu, Vorschlägen zuzuhören, was denn nun mit dem Bahnhof geschehen soll. So wie Herr Kefer sich nach der Lenkungskreissitzung äußert („das Projekt wird gebaut“ StZ 2./3.7.16) werden die Projektbetreiber kaum darauf eingehen; sie folgen nämlich erfahrungsgemäß Argumenten der Vernunft nicht, da es ihnen ja nicht um einen guten Bahnhof geht, sind aber indirekt durch öffentlichen Druck beeinflussbar. Sachargumente sind immer nötig, denn sonst ist unser Widerstand nicht zu rechtfertigen.

Unsere Bewegung ist oft dafür gelobt worden, dass sie vielfältig und bunt ist – und langfristiger denkt als Manager und Politiker. Das soll so bleiben.

Wie soll der Bahnverkehr in Stuttgart jenseits von S21 organisiert werden?

Dazu gehört, immer wieder mal die große Perspektive, den weiten Rahmen und das Grundsätzliche in den Blick zu nehmen, d.h. hier zu fragen: Wie soll Verkehr im Allgemeinen und Bahnverkehr im Besonderen und der Stuttgarter Bahnhof im Speziellen in einer Gesellschaft, in der Menschen wie wir leben möchten, strukturiert sein – weit jenseits der üblichen Verkehrsprognosen.

Ich denke: In dieser Zukunft geht es sehr wohl um den Vorrang der Schiene vor der Straße und der Luft, aber auch um Verkehrsvermeidung überhaupt. Das ist Sache fast aller Politikbereiche, von Wohnen und Raumplanung über Wirtschaft (Wachstum und Regionalisierung) bis zur Außenpolitik (Fluchtbewegungen). Wieviel Pendeln, Geschäfts- und Urlaubsreisen u.a.m. werden immer nötig oder wünschenswert sein und wie sollen diese bewerkstelligt werden? Das ist nicht von uns zu leisten, weniger weil es uns überfordert, sondern vor allem, weil es eine gesellschaftspolitische Aufgabe ist, die von allen und öffentlich zu beackern ist.

Jetzt vom Allgemeinen zurück zum Bahnhof: Es ist guter journalistischer und politischer Brauch, an bestehende Debatten anzuknüpfen. So verstehe ich einige der vom Aktionsbündnis gemachten Vorschläge.

Kritik am Alternativkonzept zu S21

  1. Da ist zunächst der Omnibusbahnhof unter den Bahnsteigen. Bei der Misere mit den Fernbussen seit Beseitigung des alten ZOB ist klar: Wer hier eine tolle Lösung anbietet, erhält Aufmerksamkeit und Sympathie. Doch wollen wir wirklich einen großen Fernbusbahnhof, auch wenn er wunderbar unter die Bahnsteige des wiedererrichteten Kopfbahnhofs passt? Fernbusse sind erst seit wenigen Jahren auf der Straßen, seit das Gesetz aufgehoben wurde, das sie verbot. Dieses Verbot diente der Sicherung des Vorrangs der Schiene vor der Straße. Nachdem in mühevoller jahrelanger Kleinarbeit das Schienenverkehrssystem in einen wahrlich jammerwürdigen Zustand gebracht wurde, war die Einführung der Fernbusse ja auch leicht umzusetzen. Ein fettes Geschenk für Daimler & Cie. Wollen wir das wirklich? Pointiert gesagt: Je größer und schöner der Busbahnhof am Hauptbahnhof ist, umso größer die Spannung zu unseren eigentlichen, langfristigen Zielen eines natur- und menschenverträglichen Verkehrs.
  1. Ähnliches gilt für besondere Parkmöglichkeiten für E-Autos. Auch dies wird viel diskutiert, ab jetzt gibt es – großer Unsinn – eine Kaufprämie, also hören alle gleich zu. Die Kritik an E-Mobilität brauche ich kaum auszuführen. Mangelnde Ressourcen (an ökologisch produziertem Strom und dem Grundstoff Lithium sowie fehlendes Recycling) und gleichbleibende sonstige Folgen des motorisierten Individualverkehrs (Platz, Zersiedlung u.a.) kennen wir alle. Auch hier hat wohl der Anschluss an eine schon laufende Debatte von grundsätzlichen Überlegungen abgehalten.
  1. Ein letzter Punkt: Wir sollten beim Bahnverkehr der Zukunft an Reisende mit größerem Gepäck denken – gerade bei unseren Ideen zu einem wiedererrichteten Kopfbahnhof.

Sinnvolles, zukunftsorientiertes Bauen

Die Bilder eines schönen Kopfbahnhofs an der Mahnwache und sonst sind wunderbar. Ebenso die Idee eines strukturierten Daches mit Solaranlagen. Sie entsprechen den Anforderungen an Verkehr und Bauen, wie es sinnvoll wäre. Verlagerung des Verkehrs von Straße und Luft auf die Schiene ist – für uns – unstrittiges Ziel. Hindernis ist nicht zuletzt, dass viele – verständlicherweise – sagen: „Ohne Auto geht es nicht.“ Ein Filmemacher fährt mit seinen Kameras, Stativen und sonstigem Zubehör durch die halbe Republik – ohne Auto eine echte Herausforderung. Ein Vater bringt seine Tochter samt Schul- und Spielsachen für das Wochenende zu dessen Mutter – ohne Auto geht das kaum ohne Tränen und Streit. Eine 3-Generationenfamilie fährt in eine Ferienwohnung am Meer. Dort braucht man vielleicht keine Auto, aber hin und zurück? Uns allen fallen noch weitere Beispiele ein. Die frühere Staatsbahn hatte da die Einrichtung des Reisegepäcks. Es sollte so funktionieren: Man kommt 30 Minuten vor Zugabfahrt mit allem Gepäck am Bahnhof an, gibt alles außer Handgepäck auf und holt es Zielbahnhof wieder ab. Dazu braucht es Fläche in den Bahnhöfen und in den Zügen (das waren Packwagen). Das hat nicht optimal funktioniert, aber der Ansatz war richtig. In Stuttgart gab es dazu die Räume unter den Bahnsteigen mit Rampen (bei Gleis 2) und Aufzügen auf die Gepäckbahnsteigen. Mit neuer (digitaler) Technik und mit Kooperation mit Taxen müsste ein Haus-zu-Haus-Service machbar sein. Wir erleben ja, wie eng die Bahnsteige sind. Wer aus dem ICE aussteigt und in weniger als den von der DB geplanten 13 Minuten zur S-Bahn will, hat Mühe durchzukommen. Ob es wieder Gepäckbahnsteige braucht oder ob breite Bahnsteige für Menschen und Gepäck besser sind, ist eine technische Frage.

Also: Bleiben wir offen für Gespräche über alles mit allen; aber was wir für richtig erkannt haben, sagen wir, bis uns jemand mit besseren Argumenten überzeugt. Standardsprüche haben doch was für sich und deshalb ende ich mit dem von Tanja Gönner: „Dafür möchte ich werben“.

Weitere Bilder der Vorschläge der S21 Projektgegner hier.

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