Elsternest

Er prustet, grunzt, rollt mit den Augen

zimmerschied

Am 16. Oktober gastierte Sigi Zimmerschied mit seinem aktuellen Programm Multiple Lois – Einwürfe eines Parasiten im alten Schulhaus in Hoheneck. Es ist Kabarett in seiner ursprünglichen Form, vorgetragen von nur einem Mann, der es versteht, eine leer Bühne mit seinem Taktstock zum Tanzen zu bringen. Sigi Zimmerschied, das Urgestein des Kabaretts aus Passau agiert auf der Bühne wie ein Berserker. Er kommt auf die Bühne und sagt: „Ois a bisserl groß.“ Sofort ist er jetzt der Lois, ein Parasit, der sich eingerichtet hat im Leben. Da grunzt, kracht und prustet es.

Er hechelt durch, was er denn alles hätte werden können. Fußballer etwa, wie jener Franck Ribéry, Franzose aber jetzt mit einem sagenhaften Gehalt bei FC Bayern. Der Lois tritt gegen ein Papierknäuel und trifft. Aber Fußballer dann lieber doch nicht. „Zu viel Risiko“, schon wegen der Verletzungen. Dann doch besser Lehrer. Das wäre er gerne geworden, damals nach dem Krieg quasi „Vom Schützengraben direkt ins Klassenzimmer“. Aber: zu viel Risiko. Das gilt für alle und alles. Für den Papst sowieso. Dessen ganz spezielles Risiko: Was, wenn es den Himmel gar nicht gibt? Lois glaubt, „als Papst in der Hölle hast du bestimmt die Arschkarten“. Dreimal vergreift Sigi Zimmerschied sich an diesem Abend an den Weltreligionen und alle bekommen ihr Fett ab: Der Papst („host a Blähung, hoaßts Enzyklika“) und im speziellen der Katholizismus sowieso. Aber auch der Buddhismus in Gestalt des Dalai Lama („Dalois Lama“) und ganz aktuell der Islam.

Lois ist Hausbesitzer. Das Haus hat er geerbt von seinem Großvater, der es sich einst von einem Juden schenken ließ („dann können Sie nimmer enteignet werden“). Und weil „irgendwer“ den armen Mann nach Dachau verpfiffen hat, kann es heute der Lois vermieten. Alles „In jüdischem Gedenken“, also vollgepfercht mit Mietern, die Zimmerschied zu einer Sozialgeschichte der Bundesrepublik nach 1945 komponiert.

Zuerst die Flüchtlinge aus den Ostgebieten, die Schlesier. Die türkischen Gastarbeiter pferchte er noch dichter zusammen. Und als die zu Wohlstand gekommen sind und nicht mehr dankbar waren, tatsächlich nach Warmwasser verlangten, da quartierte er Studenten, Kiffer, Hippis dort ein. Die Wanzen, die ein Geheimdienstler in den Siebzigern angebracht hatte, um die Linken auszuspionieren, sind Mitte der Neunziger mit den Yuppies gewichen – „des war sogar de Wanzen zfad“.

Von seinem Vater hat er vier Grundsätze gelernt, die er im Laufe des Abends einen nach dem anderen zitiert. Die ersten drei:
Was war, das war.
„Das schlechte Gewissen ist immer gut, wenn es die anderen haben.“
„Was die anderen brauchen, gehört uns.“

Wenn er Schwierigkeiten bekommt, schickt er seinen Onkel Norbert. Der ist bei der Steuerfahndung. Ein dezenter Hinweis genügt und seine Widersacher werden einer genauen Steuerfahndung unterzogen oder geben gleich klein bei.

Der Lois ist immer auf der Höhe der Zeit, heute beherbergt er auch ein Tatoostudio. Er plant ein virtuelles Haus: 50 Parteien und 1.000 E-Mail-Accounts. Ein Gebäude, das voll vermietet ist, aber leer steht, „dann wär er da, der soziale Friede im europäischen Haus.“

Am Ende des Abends fällt Lois noch Vaters vierte Weisheit ein:
„Sog ene, wos hern woin und geh hoam.“
So beendet Sigi Zimmerschied sein furioses Spiel. Starker Abgang, starker Schlussapplaus.

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