Elsternest

Xavier Naidoo – Vom Antirassisten zum Antisemiten

Xavia Naidoo
© CC BY 3.0 Bild-Quelle: Wikipedia: Xavier Naidoo 2012 bei der Verleihung der Goldenen Kamera

Der Rap, im Speziellen der Deutschrap, steht nicht im Fokus meiner Musikbesprechungen auf diesem Blog. Deshalb möchte ich auch nicht speziell auf die Musik von Xavier Naidoo eingehen, sondern auf seine kruden Ideen, die er in der Querdenkerszene der Öffentlichkeit präsentiert hat. Wir erinnern uns noch an sein Video, auf dem er mit tränen erstickter Stimme von der Befreiung von Kindern aus den Händen von international agierenden Kinderschändern berichtete. Ein Lehrstück der Manipulation. Selbst Hartgesottene konnten sich durch dieses Video angefasst fühlen. Da steckte Xavier Naidoo schon tief in den Verschwörungserzählungen von QAnon. Auch Menschen mit höherem Bildungsabschluss, wie die Kinderärztin Jette Limberg-Diers, die sich auch für Kinderrechte einsetzt, folgen solchen kruden Thesen.

Eine Mischung aus verschiedenen Mythen

Aus der Psychologie ist bekannt, dass Verschwörungstheoretiker meist an verschiedenste Mythen glauben. Auf Xavier Naidoo trifft das auf beispielhafte Weise zu. Der Pop-Star hat in seiner «Querdenker»-Karriere nichts ausgelassen – von der Macht der Jesuiten über die Weisen von Zion. Und dabei hat er mal an vorderster Front im Kampf gegen Rassismus gestanden. Später war er bei den sogenannten Mahnwachen für den Frieden. Dort pflegte er bereits gute Kontakte mit dem rechtsradikalen Herausgeber des Compact-Magazins, Jürgen Elsässer. Elsässer kommt aus einer radikal linken Ecke. Er war er lange Redakteur bei linken Publikationen wie Jungle World, Neues Deutschland und KONKRET. Von links nach rechts oder in die Querfront, das ist leider ein Weg, den viele gegangen sind. Auch Albrecht Müller von den Nachdenkseiten. Der verteidigt heute offen die Politik von Putin und sieht in der NATO den eigentlichen Aggressor. In der Pandemie hat er sich, ganz ähnlich wie Xavier Naidoo, gegen die Maßnahmen des Staates zur Eindämmung positioniert.

Verschwörungen schon lange vor Corona

2012 sang Xavier Naidoo in Wo sind sie jetzt über Ritualmorde an Säuglingen und Föten. 2014 nahm er am Tag der Deutschen Einheit an einer Zusammenkunft der sogenannten Reichsbürger teil, die die Bundesrepublik als Vasallenstaat der USA betrachten und den Holocaust relativieren. Abermals thematisierte Naidoo hier 9/11: Wer für das Attentat Islamisten verantwortlich machen wolle, ließ er sich verlauten, habe einen Schleier vor den Augen.

Xavier Naidoo an prominenter Seite

Xavier Naidoo sah sich in der Corona-Pandemie an der Seite von anderen Prominenten, wie dem Kochstar Attila Hiltmann oder dem Schlagersänger Michael Wendler. Allen dreien gemeinsam ist der Umstand, dass sie sich mit ihrem Abdriften in die Verschwörungsszene komplett ruiniert haben. Attila Hiltmann setzte sich in die Türkei ab und wird mit internationalem Steckbrief gesucht. Nach seinen Äußerungen zur Corona-Politik (hier wurde von ihm sogar ein KZ-Vergleich angestellt) fiel Michael Wendler auf allen Medienkanälen krachend durch.

Wer will Xavier Naidoo noch eine Bühne bieten?

Sein Engagement aus früheren Jahren, ist in einem kruden Antisemitismus gewichen. Schon in dem Song Marionetten von 2017 bediente er einschlägige antisemitische Vorurteile, z. B. das der Marionettenspieler (Chiffre für jüdisches Finanzkapital):

„Wie lange wollt ihr noch Marionetten sein?
Seht ihr nicht? Ihr seid nur Steigbügelhalter
Merkt ihr nicht? Ihr steht bald ganz allein
Für eure Puppenspieler seid ihr nur Sachverwalter“

Songtext Marionetten

Klar auch der antiparlamentarische Impetus:

„Eure Parlamente erinnern mich stark an Puppentheaterkästen
Ihr wandelt an den Fäden wie Marionetten
Bis sie euch mit scharfer Schere von der Nabelschnur Babylons trennen!“

Songtext Marionetten

Xavier Naidoo ruft zur Lynchjustiz auf

Und dann der Aufruf, Volksvertreter, die in Verbindung mit der QAnon-Erzählung in Verbindung zu bringen und sie zu liquidieren:

„Als Volks-in-die-Fresse-Treter stoßt ihr an eure Grenzen
Und etwas namens Pizzagate steht auch noch auf der Rechnung
Und bei näherer Betrachtung steigert sich doch das Entsetzen
Wenn ich so ein’n in die Finger krieg‘, dann reiß‘ ich ihn in Fetzen
Und da hilft auch kein Verstecken hinter Paragraphen und Gesetzen“

Von dort zur offenen Zusammenarbeit mit rechtsradikalen Musikern ist es für Xavier Naidoo nur ein kleiner Schritt gewesen. Also denjenigen, die er zu Anfang seiner Karriere mit den antirassistischen Aktionen bekämpft hatte. Hier ist die Kooperation mit dem Sänger der Gruppe Kategorie C, Hannes Ostendorf, zu nennen. Hannes Ostendorf ist der Bruder des NPD- und Blood-and-Honour-Aktivisten Henrik Ostendorf und war 1991 an einem Brandanschlag auf eine Flüchtlingsunterkunft in Bremen beteiligt. Ein weiter Weg von einem Künstler, der selbst eine antirassistische Initiative gegründet hat hin faschistischen Gruppierungen, die rassistisch motivierte Anschläge verüben.

Zurück auf den rechten Weg?

In einem jüngst veröffentlichten Video gibt sich der Sänger geläutert: Er distanziert sich von seinen früheren Aussagen, spricht von Irrwegen und Fehlern. Auf der Suche nach der Wahrheit habe er sich „verrannt“, gibt er zu.

„Ich war von Verschwörungserzählungen geblendet und habe sie nicht genug hinterfragt. Bei der Wahrheitssuche habe war ich wie in einer Blase und habe mich manchmal vom Bezug zur Realität entfernt.“

Immerhin gibt hier einer aus der Blase der Querdenker einen Denkfehler zu. Aber was ist der Grund für den plötzlichen geistigen Wandel? Die brutale Invasion in der Ukraine habe ihm die Augen geöffnet. Naidoos Frau ist Ukrainerin. Zusammen versuchten sie nun, Familienmitglieder aus dem Kriegsgebiet zu retten. Ob er damit sein Image in der Öffentlichkeit in ein gutes Licht zu rücken in der Lage ist und er irgendwann den Weg auf die Bühne zurückfindet, die nicht in einer Parallelwelt steht? Es bleibt abzuwarten aber sicher ist, sein Weg „wird kein leichter sein, dieser Weg wird steinig und schwer.“

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