Elsternest

Das Gedicht ist auf der Straße – Das Gedicht als Protestform

Achim Wagner Lyriknacht 2016
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Achim Wagner stellte im Rahmen der Lyriknacht Stuttgart auf Einladung des Schriftstellerhauses die Lyrik als Protest- und Ausdrucksform in der Türkei vor. Er lebt als Lyriker und engagierter Fotograf für viele Monate im Jahr in der Türkei (vorzugsweise in İstanbul, Eskişehier und Ankara). Seinen deutschen Lebensmittelpunkt hat er in Berlin gefunden.

Stadtzerstörung im Gezi Park, der Protest formiert sich

Als Mitte des Jahres 2013 die Proteste im Gezi-Park in landesweite Demonstrationen gegen die türkische Regierung umschlugen, fand sich ein großer, gesprühter Schriftzug auf der Eingangstür des französischen Generalkonsulats : „La poésie est dans la rue!“ („Die Poesie ist auf der Straße“). Das Generalkonsulat liegt auf der hoch frequentierten Einkaufsstraße İstiklal Caddesi (Straße der Unabhängigkeit) und führt auf den Taksim Platz. Dort schließt sich der Gezi-Park an, der einem städtebaulichen Großprojekt zum Opfer fallen sollte.

Die Parole „La poésie est dans la rue!“ stammt aus der Studentenrevolte von 1968 in Paris und wurde Ausgangspunkt für eine eigene, türkische Protestform: das im öffentlichen Raum angebrachte Gedicht. Die Verbreitung erfolgte mit Hilfe der neuen Internetmedien sehr schnell. Versehen mit immer demselben Hashtag fluteten die Protestierenden Twitter, verbreiteten lyrische Zeilen, verbunden mit einem Bild unter den Protestierenden. Die einfache Möglichkeit, unter einem einzigen Link Informationen zu verbreiten, war die Voraussetzung, dass binnen weniger Wochen eine ganze Bewegung entstehen konnte. Als Hashtag wurde die Übersetzung der französischen Zeile gewählt: șiir sokakta. Die, die den öffentlichen Raum mit Lyrik beschrifteten, nutzen ihn und aus einigen hundert Beteiligten, wurden schnell tausende, zehntausende von „Zeichenschreibern“.

Schließt das Heft, kommt auf die Straße

Der Konzeptkünstler Refet Arslan (sein Pseudonym ist Herr Donnerstag) stellte der Parole „Das Gedicht ist auf der Straße“ den kleinen aber mit „Sprengkraft“ ausgestatteten Halbsatz „Schließt das Heft,“ voran, der als Aufruf verstanden wurde, die Straßen mit Gedichten zu beschriften. Überall tauchten fortan Gedichtzeilen bekannter Lyriker auf. Lyrik wurde bei Protestversammlungen in die Reden eingeflochten. Die auch in Deutschland bekannten Zeilen von Nazim Hikmets:

Leben wie ein Baum, einzeln und frei
und brüderlich wie ein Wald
das ist unsere Sehnsucht

passte programmatisch zu dem Widerstand gegen die Abholzung der Bäume im Gezi-Park, der sich gegen die ungebremste Verwertung gemeinschaftlich genutzter Stadtnatur formierte. Die Bewegung gegen das Stuttgart-21-Projekt wandte sich in seinem Protest in ähnlicher Weise gegen die Interessen der Immobilien-Investoren, und kämpfte für den Erhalt des kommunalen Parks, der durch die Errichtung eines unterirdischen Bahnhofs von Abholzung bedroht war. Ebenfalls phantasievoll und kreativ, allerding ohne diese spezielle „lyrische Protestform“ zu nutzen.

Von der unpolitischen Lyrik zur politischen Aussage

Die von der türkischen Protestbewegung zitierten Lyriker gehörten häufig der lyrischen Avantgardebewegung an, die unter dem Namen „Zweite Neue“ in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts bekannt wurden. Sie richtete sich sowohl gegen die Verwendung einer schlichten Sprache in der Lyrik, wie es vorher üblich war als auch gegen die direkte politische Aussage und Stellungnahme im Gedicht. In lyrische Bewegung wollten die Aktivisten vor allem ihren Wunsch nach einer individuellen Lebensführung, ohne staatliche Einmischung und ohne patriarchalisch autoritäre Bevormundung ausdrücken. Es war die Sehnsucht nach einer anderen Welt. Und dieser Wunsch wurde von den surrealen Versen der Dichter der „Zweiten Neuen“ wunderbar in Worte gefasst. Wenn z. B. die Aktivisten schrieben: „Wir sind die Verse Turgut Uyars“, war der Zusammenhang sofort klar, weil der Dichter Turgut Uyar zur lyrischen Avantgarde-Bewegung „Zweite Neue“ gehörte.

Schießt Mensch,  schießt doch so leicht sterbe ich nicht!
Schießt Mensch,
schießt doch
so leicht sterbe ich nicht!

Der Protest fordert die ersten Toten

Als Anfang Juni die ersten Demonstranten bei den Auseinandersetzungen um den Gezi-Park starben, waren es verschiedene Verse des bekanntem Gedichts Hasan Hüseyin Korkmazgil, die sich als Ausdruck der Trauer in den sozialen Medien und im öffentlichen Raum wiederfanden. Sein Gedicht „Es ist schwer im Juni zu sterben“ drückte ursprünglich die Trauer des Dichters über den Tod von Orhan Kemal und Nâzım Hikmet aus.

Mittlerweile ist Lyrik als Straßenkunst in türkischen Städten unübersehbar geworden. Lyrische Metaphern wie der Vogel (der als Träger der Seele in der türkischen Lyrik Verwendung findet) und die Farbe Blau, die für den Wunsch nach Freiheit steht, werden von einer breiten Bevölkerungsschicht, vor allem aus dem universitären Umfeld in den Großstädten, verstanden. Die Verse Cemal Süreyas, z. B. „Das Leben ist kurz, / Die Vögel fliegen“, werden immer wieder an Wände, Stromverteilerkästen und Häuser geschrieben.

Nach dem Ende der Gezi-Proteste brachte eine Studentenorganisation Arslans Spruch „Schließ das Heft, das Gedicht ist auf der Straße!“ immer wieder in Parks und auf Straßen an. Damit riefen sie auf, den öffentlichen Raum weiterhin mit Gedichten zu besetzen.

Mitterlweile kann man sich beinahe die komplette jüngere türkische Lyrik auf der Straße, an Wänden und Mauern erschließen. Das Internet hilft weiterhin deren massenhaften Verbreitung. Zentren dieser Lyrik-Bewegung sind natürlich die drei größten Städte der Türkei: İstanbul, Ankara, İzmir. Hier befinden sich die großen Universitäten. Mancher Universitätscampus ist zur begehbaren Lyriksammlung geworden.

Wird die Bewegung zerschlagen?

Die Repression in der Türkei hat nach dem gescheiterten Militärputsch in den letzten Monaten drastisch zugenommen. Journalisten, Richter, Schriftsteller und Universitätsprofessoren sind von Säuberungswellen betroffen.

Lyrik im öffentlichen Raum kann natürlich keine unmittelbare Handhabe gegen die aktuellen negativen gesellschaftlichen Gegebenheiten bieten. Als Straßenkunst könnte sie aber dazu beitragen, Denkanstöße zu geben und kleine Verschiebungen zum Besseren zu bewirken. Ihr subversiver Charakter und ihre einfach Handhabung mittels wasserfestem Filzstift in möglichst kleingehaltener Schriftgröße, so als ob man in ein Heft schriebe, auf Wänden, Bänken, Telefonhäuschen Lyrik zu schreiben, wären Zeichen des Widerstandes. Ob die Regierung in Ankara die lyrische Bewegung aus den Straßen vertreiben kann, bleibt abzuwarten. Achim Wagner wird sicher auch darüber berichten.

Weitere Videos von seinem Vortrag hier (Teil 2) und hier (Teil 3).

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