Elsternest

Stuttgarter Lyriknacht mit abwechslungsreichem Programm

Dr. Stefanie Stegmann begrüßt ihre Gäste auf der Lyriknacht
Dr. Stefanie Stegmann begrüßt ihre Gäste

 

Am 9. September 2016 fand in der Stadtbibliothek Stuttgart die 12. Lyriknacht statt. Drei „Schwergewichte“ der Literatur in der Stadt richten jedes Jahr die Veranstaltung aus: Die Stadtbibliothek, das Schriftstellerhaus und das Literaturhaus Stuttgart.

Die Direktorin der Stadtbibliothek, Christine Brunner, eröffnete die Veranstaltung und stellte für die erste Lesung Anna Breitenbachvor, die von ihr zur Stuttgarter Lyriknacht eingeladen wurde. Anna Breitenbach lebt und arbeitet in Esslingen und hat in diesem Jahr ihren neuen Band Haus und Hof, Sachen, Leute im Klöpfer & Meyer Verlag vorgelegt. Er trägt den programmatischen Untertitel Brauchbare Gedichte. Texte, die klar und leichtfüßig daher kommen.

Anna Breitenbach Lyriknacht 2016
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12 Kapitel mit brauchbaren Gedichten

Der Band umfasst zwölf Kapitel, jedes von ihnen enthält zehn Gedichte. In den Kapiteln geht es um die Niederungen und Zumutungen des Alltags. Da tauchen fremde Leute auf, auch Bekannte, jedenfalls Lebewesen: Vampire, Lampentiere, Sammler. Die Kapitel tragen lyrische Namen wie: Sachen und Sammlung, Alltag und Zumutung, Krankheit und Krise und so weiter.

Anna Breitenbach, die auch als Poetry Slammerin arbeitet, ist geübt, ihre Gedichte lebhaft-mitreißend vorzutragen. Ihre Gedichte sind leidenschaftlich lyrisch, dabei aber kunstvoll einfach. Wie zufällig ergeben sich Binnen- und Endreime einfachster Prägung. Sie lassen den Alltag in einem anderen Licht erscheinen, öffnen den Blick auf eine etwas verrückte Sicht. Oft erscheinen die Gedichte, als seien sie leicht daherkommende Bonmots. Scheinen sie auch wie lyrische Appetithäppchen so enthalten sie oft veritable Sprengkörper. So drückt sie die Empfindungen des Feuerwehrmanns im Kapitel Ego und Eigenheit z. B. so aus:

Feuerabend

hört der Brandstifter
sich müde
sagen.

Anna Breitenbach versteht es, Leerstellen zu umreißen, im entscheidenden Moment wird etwas von ihr nicht benannt. Ihre Gedichte sind oft klassisch gebaut, kommen kurz und lang daher, oft lakonisch, häufig lustvoll komisch. Das kürzeste besteht nur aus sechs Worten:

Auf den
Bahnsteigen

immer diese
Zugluft!

Eine gute Wahl der Stadtbibliothek den Abend mit den Gedichten von Anna Breitenbach zu eröffnen. Ein leichtfüßiger Auftakt voller Sprachwitz und Hintersinn.

şiir sokakta – Das Gedicht ist auf der Straße

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Astrid Braun vom Schriftstellerhaus stellte den Lyriker Achim Wagner vor, der den zweiten Teil des Abends bestritt. Er folgte gerne der Einladung des Schriftstellerhauses, eine Wiederbegegnung von ihm mit dem Haus. Im Jahr 2010 weilte er als Stipenditat des Schriftstellerhauses in Stuttgart. Er entführte die Zuhörer in die Poesie auf den Straßen türkischer Großstädte. Ausführlicher Artikel dazu siehe hier.

Nach einer Pause, in der von der Stadtbibliothek für das leibliche Wohl der Gäste gesorgt wurde und in der lebhafte Diskussionen des lyrikaffinen Publikums stattfanden, ging es im dritten Teil der Lyriknacht mit zwei jungen Lyrikerinnen weiter. Sie lasen auf Einladung des Literaturhauses. Die Leiterin des Literaturhauses, Dr. Stefanie Stegmann, stellte sie vor: Ulrike Almut Sandig und Kerstin Preiwuß.

Zwei junge Lyrikerinnen aus Ostdeutschland mit eigener Sprache

Die Lesungen der zwei in Ostdeutschland geborenen und aufgewachsenen Lyrikerinnen (Preiwuß in Lübz, Sandig in Nauwalde) wurden kommentiert und moderiert von Michael Braun. Er ist ein ausgewiesener Kenner der zeitgenössischen Lyrik und als Lyrikexperte ein gern gesehener Gast im Deutschlandradio, wenn es um neue Lyrikbände geht. Seit 1994 moderiert er das Erlanger Poetenfest und gab zahlreiche Anthologien zeitgenössischer Lyrik heraus.

Kerstin Preiwuß tauchte mit ihren Gedichten aus ihrem neuen Band Gespür für Licht tief in die Märchen und Mythen ein. Höhlenfisch, Aalmutter, Wasserweib und Windsbraut, alles Gestalten aus bekannten Märchen, geistern durch ihre Zeilen. Es sind Schöpfungsgeschichten, von der Sprache der Märchen inspiriert. Ein thematisch hermetisch geschlossener Band. Im Gespräch mit Michael Braun erläuterte sie ihre Poetik. Michael Braun und Kerstin Preiwuß begegneten sich bereits auf dem Erlanger Poetenfest, wo sie sich gegenseitig schätzen lernten. Das ist im Gespräch deutlich zu spüren. Eine Kostprobe zeigt dieses Video.

Das Gedicht als Performance

Ulrike Almut Sandig wurde von ihrem Verleger gedrängt, ihren neuen Lyrikband mit einem Titel zu versehen, der als längster Buchtitel der Saison angesehen werden kann:

ich bin ein Feld voller Raps verstecke die Rehe und leuchte wie dreizehn Ölgemäde übereinandergelegt.


Diese Zeilen sind Teil eines Gedichts, das die Lyrikerin, mit Musik unterlegt, an diesem Abend performte. Sie arbeitet mit Musikern zusammen. Sie begreift sich eher als „sprechende Dichterin“, die ihre Gedichte gerne live dem Publikum darbietet. Ihr Einwand, ein solcher Titel würde sich nur schwer verkaufen lassen, wischte ihr Verleger Klaus Schöffling beiseite. Lyrik sei grundsätzlich ein Spartenprodukt und schwer verkaufbar, da wäre ein sperriger Titel gerade für das Lyrikpublikum Lockmittel.

Sie versteht es, ihre Gedichte zu kunstvollen Ohrwürmern zu machen. Wie Kerstin Preiwuß bedient sie sich am Grimm’schen Märchenfundus, wurzeln sie fest in einer Gegenwart. Mit dem Klangorgan ihrer ganz eigenen Sprache erfasst Ulrike Almut Sandig präzise die Untiefen zeitgeschichtlicher Unheimlichkeit und zeichnet den utopischen Gegenentwurf eines Heimatlandes, in dem der Mensch kein „Vieh ohn‘ Seele und Fell“ ist, sondern aufrecht sagen kann: „ich bin“.

Zusammenstellung der Gedichtbände, aus denen an diesem Abend gelesen wurde:

Anna Breitenbach
Haus und Hof, Sachen, Leute
Brauchbare Gedichte
180 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
Klöpfer & Meyer, Preis: 18,00 €

Kerstin Preiwuß
Gespür für Licht
Gedichte
128 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
Berlin Verlag, Preis: 18,00 €

Ulrike Almut Sandig
ich bin ein Feld voller Raps verstecke die Rehe und leuchte wie dreizehn Ölgemälde übereinandergelegt
Neue Gedichte
96 Seiten, Leinen, Großformat, Lesebändchen
Schöffling & Co, Preis: 22,00 €

zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

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