Elsternest

„Das Schloss“ im Staatstheater Stuttgart

Bühnenbild "Das Schloss" von David Hohmann (Foto: © David Hohmann)
Bühnenbild „Das Schloss“ von David Hohmann (Foto: © David Hohmann)

 

K., der nie die Regeln der fremden Welt verstehen und nie das begehrte Schloss erreichen wird, wurde zu Hauptfigur von Kafas Werk „Das Schloss“. Die Geschichte von K. beendet Kafka nicht mehr, vielmehr bricht sie mitten im Satz ab und bleibt ein Fragment mit offenem Ausgang. Was geschieht, wenn auf Basis eines Literaturklassikers kreative Köpfe sich des Stoffes annehmen? Es begann 2013 im Literaturhaus Stuttgart mit einer Comic-Ausstellung. (Siehe Bericht dazu hier im Elsternest). Eine siebenköpfige Band formierte sich um den Musiker und Comiczeichner Jaromír 99 und gab sich den Namen „Kafka Band“.

In einer sprachen- und grenzüberschreitenden musikalischen Inszenierung brachten Mitglieder des Bremer Theaterensembles zusammen mit der Prager Kafka Band und Jaroslav Rudiš, dem tschechischen Schriftsteller, Kafkas Welt auf die Bühne. Nach vielen gefeierten Aufführungen kam das Stück auf Einladung des Literaturhauses am 19. November 2016 zurück nach Stuttgart. Die Aufführung war Teil des Festes zum 15. Geburtstag des Literaturhauses Stuttgart.

Ein perfektes Bühnenbild

Eine riesige Kurparkkonzertmuschel wölbte sich über die Bühne. Die Songtexte liefert der Roman, Kafkas deutsche Sprache mischt sich mit tschechischen Refrains. Die Musik: düster und rau, zugleich zart und zerbrechlich. Sie legt die existenziellen Gefühle in Franz Kafkas Romanfragment offen.

Landvermesser K. wird als Fremder von der hermetischen Schlossgemeinschaft engagiert, die behauptet, seine Arbeit würden nicht benötigt. K. wird abgelehnt, bleibt ein Überzähliger. Das ist die Grundsituation. „Der Winter ist bei uns lang und auch im Sommer fällt manchmal Schnee“, heißt es zur düsteren Atmosphäre der Ausweglosigkeit. Die wird mit Kafkas Worten und mit rhythmisch fein ziseliertem, an- und abschwellendem Melancholie-Poprock intoniert, dabei angenehm melodieselig zum Schweben gebracht.

Das Schloss: Der Autor Jaroslav Rudiš 2013 im Schriftstellerhaus
Der Autor Jaroslav Rudiš 2013 im Schriftstellerhaus

Jaroslav Rudiš führte dazu in einem Interview aus:
„Eigentlich weiß man nicht, warum K. ins Dorf geflüchtet ist. Nur, dass er nicht ankommt und fremd bleibt. Es gibt eine Stelle, die es ganz gut beschreibt. Sinngemäß heißt es da: Du bist nicht aus dem Schloss, du bist nicht aus dem Dorf, du bist nur eins – ein Fremder. Vielleicht ist das deshalb auch so, weil er deutsch spricht und es zwischen ihm und den tschechisch-sprachigen Dorfbewohnern zu Missverständnissen kommt.“

Labyrinthische Architektur der Erzählung

Die Regie verweigert naheliegende Interpretationen, beispielsweise die labyrinthische Architektur der Erzählung als Signatur einer pessimistisch reflektierten Bürokratie-Moderne. Das Bühnenbild von David Hohmann setzt die Ausweglosigkeit mit seiner „Muschel“ perfekt in Szene, die sich über das Geschehen wölbt. Mit ständigen Rollenwechseln des Ensembles wird die Handlung in modellhafte Szenen zerlegt, das Thema Fremdsein variiert in Fragen nach Identität, Erfahrungen der Vereinnahmung und der Ausgrenzung, des Ankommens und Ausgeliefertseins. Das Hamsterrad der Aussichtslosigkeit wird mit Laufbändern dargestellt, auf denen das Schauspielerquartett immer wieder läuft, ohne je voranzukommen: „Wir laufen durch die Nacht und nichts kann uns aufhalten.“

Eine die Sinne ansprechende Aufführung formt alles zu einer existenziellen Grundsituation

Per Videoprojektion verschwimmen die Buchstaben der Kafka-Sätze und purzeln durcheinander. K. versucht vergeblich, das Chaos zu ordnen, Orientierung herzustellen in diesem mysteriösen Dasein. Die projizierten Bilder stammen von Jaromír 99, der seinem holzschnittartigen Comiczeichenstil auch hier treu bleibt, den wir aus der Graphic Novel „Alois Nebel“ kennen.

Regie: Alexander Riemenschneider
Bühnenbearbeitung: Jaroslav Rudiš, Alexander Riemenschneider
Es spielen: Guido Gallmann, Robin Sondermann, Franziska Schubert, Alexander Swoboda
Kafka Band: A.m. Almela, Jiří Hradil, Zdeněk Jurčík, Dušan Neuwerth, Tomáš Neuwerth, Jaroslav Rudiš, Jaromír 99
Künstlerische Gestaltung: Jaromír 99
Dramaturgie: Viktorie Knotková

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