Elsternest

L. A. Kennedy zu Gast beim Literaturfestival Stuttgart

L. A. Kennedy während ihrer Lesung am 12. Mai 2023 im Literaturhaus Stuttgart

Es sei wie Weihnachten, so charakterisiert Lena Gorelik den Abend des 12. Mai 2023 im Literaturhaus Stuttgart: Es ist ihr gelungen, die von ihr geschätzte schottische Autorin L. A. Kennedy mit ihrem neuen Roman zum Literaturfestival nach Stuttgart einzuladen.

Das Literaturfestival Stuttgart hat ein Motto

Das Literaturfestival der Stadt Stuttgart steht unter dem Motto Schreiben, während die Welt geschieht. Als Lena Gorelik gefragt wurde, ob sie das Festival kuratieren wolle, saß sie gerade über Recherchen zum Anschlag in Hanau, Salman Rushdie war gerade knapp einem Attentat entgangen. Angesichts aller gewalttätigen Ereignisse der letzten Monate und Jahre hat Lena Gorelik den Impuls zu fliehen unterdrückt und hat sich auf die Suche nach Verbündeten gemacht. Eine dieser Verbündeten ist L. A. Kennedy.

Die 58jährige Autorin kommt frohgelaunt und verschmitzt auf die Bühne. Ihre die Erfahrung als Stand-up-Comedian blitzt durch. An ihrer Seite Verena Lücken, Journalistin bei der FAZ und selber Schriftstellerin. Sie kommt mit L. A. Kennedy an diesem Abend ins Gespräch. In ihrem neuen Roman, Als wir lebten in einem barmherzigen Land, schaut L. A. Kennedy gleichsam auf die Welt wie durch eine Lupe. Das passt sehr gut zum Thema des Festivals.

Multi-perspektivisches Erzählen

Aus zwei Perspektiven wird dieser Roman erzählt: Aus der Perspektive von Anna, einer Grundschullehrerin, und aus der Perspektive von Busta, einem früheren Liebhaber von Anna. Beide erzählen aus der Ich-Perspektive. Der Part von Busta wurde von Ingo Herzke übersetzt, der von Anna von Susanne Höbe. Ingo Herzke hat alle Romane von Kennedy für den Hanser Verlag ins Deutsche übertragen. Die Busta-Teile sind auch typografisch hervorgehoben. Es sind serifenlose Berichte, die Buster als V-Mann über die Kunst-Aktionsgruppe, der Anna während ihrer Studentenzeit angehörte, angelegt hat. Diese hat er vor Annas Haustür deponiert, darin bekennt er sich zu seinen Untaten als Polizeispitzel und Auftragskiller. Für Anna das personifizierte Böse, das auch keine Bewunderung kennt, wie man es teils für andere „böse Figuren“ hegt, wie z. B. Hannibal Lecter.

Der Roman ist während des Corona-Lockdowns entstanden

Die Zeit der Romanhandlung ist das Jahr 2020, der Beginn der Corona-Lockdowns, die Endphase des Brexit. Verschärft werden die Erschütterungen der Gegenwart für die Grundschullehrerin durch den wieder aktuell gewordenen Verrat in der Vergangenheit. L. A. Kennedy erkrankte gleich zu Beginn der Pandemie an Corona und litt sehr darunter. Lange Zeit hatte sie Wortfindungsstörungen, alles bezeichnete sie als „Das Ding“. Aber schließlich fand sie ihre Sprache wieder und so können wir diesen außergewöhnlichen Roman lesen.

Der Roman ist in den Anna-Teilen als zornig-empfindsamer Monolog einer Frau angelegt, die sich keine Illusionen macht, trotzdem aber die Hoffnung nicht aufgibt. Das wird schnell deutlich durch die Lesepassagen, die der als Sprecher ausgebildete Johannes Wördemann genial vorträgt. Der Anna Teil kreist letztendlich um die Frage, ob man Unbarmherzigen gegenüber barmherzig sein soll. „Ein Roman der moralischen Beunruhigung“, wie es im Klappentext heißt.

Es fehlt ein englischer Verleger

Das englische Original, Alive in the merciful country, hat bis heute noch keinen englischen Verlag gefunden. So ist die deutsche Ausgabe die Weltpremiere. Angesichts der Lügen und Verdrehungen, die seit Donald Trump und Boris Johnson verstärkt in die Welt gekommen sind, ist eine Veröffentlichung in englischer Sprache dringend notwendig, um sich mit dem neuen Werk dieser exzellenten Autorin im anglophonen Raum auseinander setzten zu können.

Als lebten wir in einem barmherzigen Land
Roman
464 Seiten, gebundene Ausgabe, Carl Hanser Verlag, Preis 28,00 €

zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

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