Elsternest

Rudolstadt 2022 – Die Bühne, das Tor zu Welt (3)

Wunderschöne Grafiken auf allen Bühnen
Wunderschöne Grafiken von Jürgen B. Wolff auf allen Bühnen

Geht man über das Festival, fallen einem sofort die Grafiken auf, die im Hintergrund jeder Bühne und an den Absperrzäunen zu finden sind. Diese wie auch die Gestaltung des Programmheftes entwirft der Grafiker Jürgen B. Wolff seit 30 Jahren. Alle(!) großflächigen Grafiken sind handgemalt. Das macht auch den Reiz dieser Grafiken aus.

Die Komplizen spielen ein melancholisches Liedgut

Heute also der dritte und letzte Tag für M. und seine beiden Begleiterinnen. Es ist Sonntag und nicht die Glocken rufen zum Gebet, sondern das umfangreiche Programmheft macht Lust auf Entdeckungstour zu gehen. Wieder haben die drei sich vielversprechende Konzerte aus dem umfangreichen Programm zusammen gestellt. Den Handwerkerhof, eine kleine Passage zwischen Stifts- und Mandelgasse gelegen, hatten wir schon gestern in den Blick genommen. Heute spielen hier die Komplizen. Wenn Komplizen laut Duden Helfershelfer einer Straftat sind, so sind es im Falle dieser Band die Helfershelfer eines Liedguts, das melancholisch fragt: Was kann ich machen, wo stehe ich in dem Ganzen und wie verhalte ich mich in Anbetracht der gefühlten und tatsächlichen Katastrophen.

Komplizen auf der Bühne im Handwerkerhof

Komplizen, das ist eine fünfköpfige Band, die nur einen Mann in ihren Reihen zählt und der spielt auf der Cajón, eine Kistentrommel und ist für den CD-Verkauf abgestellt. Dominiert wird die Gruppe von der Gitarristin und Sängerin Ellen Bonte. Es dauert einige Songs lang, bis die Gruppe mit ihrem Auftritt warum wird, obwohl das in dem intimen Rahmen des Innenhofes eigentlich hätte kein Problem darstellen dürfen.

Ohne eine gute Abmischung geht es nicht

Leider ist die akustische Gitarre von Frau Bonte nicht gut abgemischt und kommt nicht nuanciert rüber. Es wäre sinnvoller gewesen, hätte sie auf ihre elektrische Gitarre vertraut, die sie auch sonst auf der Bühne spielt. Bei einer kleinen Bühne auf der Straße ist der Künstler für seinen Sound verantwortlich und da hängt es entscheidend vom Equipment ab, das eine Band einsetzt, wie wir auch gestern gemerkt haben.

Beate Wein und Annett Lipske rocken den Neumarkt

DUOhandinhand fetzige Musik an Tasten und Trommeln

Vom Handwerkerhof ist es nur ein Katzensprung zur Bühne auf dem Neumarkt. Hier spielt das DUOhandinhand. Beate Wein (voc, dr, p) und Annett Lipske (p, voc, dr) spielen swingende Melodien mit zumeist augenzwinkernden Texten in deutscher Sprache. Gegroovt wird abwechselnd am Fender Rhodes und am Schlagzeug. Da wird auch über Alltagsprobleme gesungen, genau wie bei Komplizen aber alles wird nicht so Bierernst genommen. Die Heiterkeit und der Swing der Musik lässt den Ungemach ungleich leichter bewältigen als bei den überambitionierten Texten von der Gruppe Komplizen. Zudem sind die beiden Frauen von DUOhandinhand ausgebildete Pianisten und haben langjährige Erfahrung in unterschiedlichen Formationen. Das spürt man sofort. Den Drive, den sie an den Tag legen, lässt vom ersten Takt an die Füße der Zuhörer wippen, ohne das das Hirn eingeschaltet werden muss. Ganz anders bei den Texten der beiden, die Kopf und Gefühl gleichermaßen ansprechen, die keinem platten Reimschema unterworfen sind. Eine Zeitung schrieb über das seit 2003 tourende Duo:

„Annett Lipske und Beate Wein spielen Straßenswing, Barfußbossa, Firelfunk und klingen dabei wie eine komplette Band. Hinzu kommen zwei hinreißend miteinander schwingende Stimmen.“

 

Ivarh eine bretonische Gruppe die irisch klingende Musik spielt

Ivarh ist eine neue Gruppe aus der Bretagne. Sie trägt einen Hauch zeitgenössischer Kunst, wo mächtige elektrische Texturen auf den Gesang der Melodien aus der unteren Bretagne treffen. Das Zeitgenössische sind vor allem das Saxophon, die elektrische Gitarre und der Synthesizer. Ihre Texte haben sie sich ausgeliehen bei den größten Interpreten des vergangenen Jahrhunderts, die in der Bretagne gelebt haben. Sie singen in bretonischen Dialekten. Auch das stellt die Nähe zu Dialekten und Klängen von den britischen Inseln her.

Die bretonische Band Ivarh auf der Bühne am Marktplatz in Rudolstadt

Chalgia Sound System kommen aus Ex-Jugoslawien

Die Länder des ehemaligen Jugoslawiens bilden den Schwerpunkt des diesjährigen Festivals und so will M. zumindest bei einem oder zwei Konzerten in die Klangwelten dieses Landstriches eintauchen.

Chalgia Sound System auf großer Bühne im Heinepark

Chalgia ist die vielleicht typischste Volksmusik in Nordmazedonien. Es ist eine orientalisch-städtische Musik, in der Einflüsse aus dem Westen auf die eigenen Traditionen sowie das trafen, was die Türken in den Jahren ihrer Herrschaft eingebracht hatten (klassische ottomanische Musik ebenso wie byzantinische Kirchenmusik). Chalgii, also die Lieder dieses Repertoires, werden bei Hochzeiten ebenso gespielt wie bei Riten oder Festen, in Tavernen ebenso wie bei religiösen Feiern. Bzw. wurden, denn in den letzten Jahrzehnten hielt die Moderne Einzug und verdrängte Chalgia so nach und nach. Jetzt ist allerdings eine Art Revival festzustellen, an dem das Chalgia Sound System einen gehörigen Anteil hat. Das Ensemble spielt auf akustischen Instrumenten und nutzt nur sehr gelegentlich Loops, um den Klang zu unterstützen.

A Capella Gesang aus Serbien

Auch die Zwillinge Ratko und Radisa Teofilović aus Serbien treten im Rahmen des Länderschwerpunktes auf der Bühne bei den Bauernhäusern auf. Sie haben sich intensiv mit alten Gesängen auf dem Balkan beschäftigt. Fünfzehn Jahre lang haben sie gesucht und geforscht, nach dem richtigen Klang der zweiten Stimme und den Harmonien im traditionellen Gesang, die längst verschollen schienen. Ihr perfekter Harmoniegesang bleibt M. allerdings merkwürdig fremd.

Pussy Riot mit brachialem Klang gegen Putin

Eines der am meisten beachteten Konzerte während des Rudolstadt-Festivals 2022 ist das von Pussy Riot. Mit der Einladung der regierungs- und kirchenkritischen Punk-Band aus Moskau setzen die Veranstalter bewusst ein Zeichen gegen den Angriffskrieg Russlands in der Ukraine.

Pussy Riot aus Russland

2012 waren die russischen Frauen von Pussy Riot weltweit in aller Munde: Mit einem „Punk-Gebet“ protestierten sie in einer Russisch-Orthodoxen Kathedrale in Moskau gegen die unheilige Allianz von Kirche und Staat. Der Aktion folgten Verurteilung, Hungerstreiks, Straflager. Pussy Riot wurden zum bekanntesten Gesicht des Protests in Russland; rund um den Globus vertraten sie ihre Vision eines freien Russlands: Feminismus (Pussy Riot heißt soviel wie „Muschi-Revolte“), LGBTQ-Rechte, später auch die Bedingungen in den Haftanstalten – und immer Radikalopposition gegen Wladimir Putin.

Der Platz vor der Hauptbühne im Heinepark ist rappelvoll. Das Interesse ist groß, aber die Ratlosigkeit auch: Die Videoinstallation ist bei Tageslicht sehr schlecht zu lesen. Den lauten Sprechgesang, mit Schlagzeug- und Saxophonuntermalung in russischer Sprache, konnten wir ohne Untertitel nicht dechiffrieren, nur der hundertfach erwähnte Name Putin ist herauszuhören.

Ein Soundgewitter zum Abschluss

Bei der Abschlussveranstaltung auf dem Rudolstädter Markplatz spielt unter anderem auch Roosevelt Collier aus den USA. Er hat sich sein Gitarrenspiel auf der zehnsaitigen E-Gitarre vom Sacred Steel, einem afroamerikanischen Gospel-Stil in den Gottesdiensten der Pfingstbewegung abgeschaut, hat aber mit seinem Sound und seinem Repertoire den ursprünglichen Kirchenkontext weit hinter sich gelassen, obwohl funkige Musik die Gläubigen auch in den Kirchen zu ekstatischem Tanzen animiert.
Roosevelt Collier spielt im Slide Guitar Stile Blues, Rock, Soul, R&B sowie etwas, das er selbst „unanständig funkigen Sumpfdreck“ nennt. Versuche, seine Musik zu kategorisieren, sind hoffnungslos. Grateful Dead, Michael Jackson und Jimi Hendrix gehören alle zu seinem Instrumentarium.

Roosevelt Collier auf der Bühne beim Abschlusskonzert in Rudolstadt

Am Ende seines Konzertes fordert er alle Musikerinnen und Musiker der vorangegangenen Teile des Abschlusskonzertes auf, mit auf die Bühne zu kommen und mit ihm zu rocken.

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