Elsternest

Der Hals der Giraffe hat sieben Wirbel

Der Hals der Giraffe - Evolutionsbiologie
Evolutionsbiologie zum Anfassen

 

Eine spannende Diskussion über die Evolutionsbiologie veranstaltete das Rosensteinmuseum am 18. Mai mit der Autorin von „Der Hals der Giraffe“, Judith Schalansky.

Dr. Arnold Staniczek und Ulrich Schmid hatten die Autorin eingeladen, um die Thesen über ihre Biologielehrerin Inge Lohmark zu diskutieren. Das Theoriegebäude der Helden der Hauptfigur des Romans – Charles Darwin, Jean-Baptiste de Lamarck und Ernst Haeckel – wurden unter das intellektuelle Mikroskop gelegt. Sie gehören zu den Vordenkern und Gründern der Evolutionstheorie und diese wiederum bildet das unverrückbare Fundament des Weltbilds Inge Lohmarks.

Judith Schalansky war schon als Kind fasziniert von der Natur. Für ihr Buch wollte sie ein naturwissenschaftliches Fach untersuchen und das Darwin-Jahr 2009 ließ sie elektrisiert zurück. Sie las alle Aufsätze über den Naturforscher, die ihr in die Hände kamen. Biologie ist ein Fachgebiet, das nicht nur einen von außen zu betrachtenden Gegenstand in den Blick nimmt. Nein, sie schließt den Betrachter als Teil der Natur unmittelbar ein. Im Darwin-Jahr begann Frau Schalansky mit den Arbeiten zu dem Roman „Der Hals der Giraffe“ und schloss ihn 2011 ab.

Evolutionsbiologie im Roman

Sie las an diesem Abend in der großen Rotunde des Rosensteinmuseums die Szene, in der Inge Lohmark ihren Schülern erklärt, wie die Giraffe zu ihrem langen Hals kam. Dabei wird deutlich, die Lehrerin ist viel mehr dem Naturforscher Jean-Baptiste de Lamarck (1744-1829) zugetan ist als seinem britischen Kollegen Charles Darwin (1809-1882). Das war ein Einstiegspunkt für Dr. Arnold Staniczek, der sich als wissenschaftlicher Mitarbeiter des Rosensteinmuseums mit der faszinierenden Vielfalt des Lebens beschäftigt. Sein Spezialgebiet sind allerdings nicht die Säugetiere. Er ist Spezialist für Wasserinsekten am Museum für Naturkunde Stuttgart. Trotzdem konnte er profund die Abstammungslinien der Tierrassen referieren und zur Klärung der Vererbung und den beiden widersprüchlichen Theorien von Lamarck und Darwin beitragen.

Diskussion über Evolutionstheorie im Rosensteinmuseum
Über Evolutionstheorie diskutieren: v. l. n. r.: Dr. Arnold Staniczek, Judith Schalansky, Ulrich Schmid

Lamarck postulierte: Bei jedem Tier, welches den Höhepunkt seiner Entwicklung noch nicht überschritten hat, wird ein Organ allmählich durch seinen dauernden Gebrauch gestärkt. Es entwickelt und vergrößert sich je länger es gebraucht wird. Um an gutes Futter zu kommen haben die Giraffen die Hälse immer wieder gereckt. Heute ist diese Theorie längst wiederlegt. So fand man durch Beobachtungen heraus, dass die Giraffen etwa 50 % ihrer Futtersuchzeit die Hälse nicht nach oben recken sonder ganz „normal“ grasen. Die moderne Evolutionsbiologie hat für den langen Hals ganz andere Erklärungsansätze. Das sei das schöne an Naturwissenschaften, so der Moderator des Abends, Ulrich Schmid: eine Theorie sei nur solange haltbar, solange Beobachtungen und Experimente sie belegen. Im Gegensatz zu den Geisteswissenschaften.

Judith Schalansky hatte noch eine ganz andere Erklärung für den langen Hals der Giraffe: Sie habe nur deshalb einen so langen Hals, um auf der Arche Noah vom Unterdeck hinausgucken zu können. Diese Bemerkung zeigte den Humor der Autorin, die es immer wieder verstand, den Abend literarisch zu unterlaufen.

Wissenschaft in der Sowjetunion

Judith Schalansky ist in der ehemaligen DDR aufgewachsen. Da wundert es nicht, dass auch die Helden der Sowjetunion in ihrem Roman erwähnt werden: Wissenschaftler, die den Hunger in einer neuen, sozialistischen Gesellschaft bekämpfen wollten. Dem einen gelang es, ideologisch unvoreingenommen zu arbeiten: Iwan Wladimirowitsch Mitschurin. Der russische Botaniker züchtete erfolgreich frostresistente Obstsorten für das russische Klima. Der andere, Trofim Denissowitsch Lyssenko, war ein sowjetischer Biologe und Agronom, der unter Josef Stalin großen politischen Einfluss erlangte. Seine Theorie, nach der Erbeigenschaften durch Umweltbedingungen bestimmt werden, war wissenschaftlich unhaltbar und widersprach bereits zu seiner Zeit den bekannten Grundlagen der Genetik. Trotzdem wurden seine Theorien vom stalinistischen Regime als wichtig angesehen und gefördert. Dadurch kam es zu Missernten und Verschärfung der Hungersnot in der UdSSR. (Hier das Video der Lesung dieser Stelle.)

Der Abend hat gezeigt, wie vielfältig die Themen im Roman von Judith Schalansky sind und wie gut die Entscheidung der Jury im Schriftstellerhaus war, diesen Roman für das diesjährige Lesefest auszuwählen.

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