Elsternest

Hurricane: zwei sehr unterschiedliche Songs gleichen Titels

Bob Dylan Hurricane
Bob Dylan in Vitoria Gasteiz
(Foto: © Alberto Cabello – CC BY 2.0)

Bob Dylan veröffentlichte seinen Song 1975 auf seinem 17. Studioalbum Desiree. Luke Combs Song erreichte 2015 die Charts, ganz am Anfang seiner Karriere. Zwischen dem Klassiker von Dylan und dem gleichnamigen Song von Luke Combs liegen nicht nur 40 Jahre, sondern Welten im Songwiriting.

Der Country Song eines Newcomers

Wir hören bei Luke Combs eine zufällige Kombination aus New-School- und Nineties-Ära-Country, die sich frei mit elektronischen Beats mischt. Der Song handelt von der unerwarteten Begegnung des Erzählers mit einer ehemaligen Geliebten, die er mit dem Schaden vergleicht, den ein Hurrikan angerichtet hat. Damit beweist Luke Comb, dass er ein starker Geschichtenerzähler ist und sich aus dem Country Genre stilsicher bedienen kann, zumal er sein Lied mit einem komplexen Refrain versieht.

Bob Dylans Hurricane ist ein lupenreiner Protestsong

Bob Dylan legt seinem Song eine wahre Geschichte zugrunde: Hurricane Rubin Carter
wäre fast Weltmeister im Mittelgewicht geworden. Er wurde aufgrund falscher Zeugenaussagen 1967 zu dreimal Lebenslänglich verurteilt und erst 1985 freigesprochen. Der Todesstrafe war er wohl nur entgangen, weil diese in New Jersey seit 1963 nicht mehr verhängt wurde.

Dylan hört von dem Fall, bald darauf besucht er den Häftling. Schwer beeindruckt von der Geschichte und der Persönlichkeit Carters, schreibt Dylan über Carter einen langen Text, ausgerollt in über 90 Zeilen, halb Moritat, halb Protestsong. Hurricane dauert acht Minuten und ist dem Sänger so wichtig, dass der Song als Single veröffentlicht wird, in zwei Teilen, auf der A- und der B-Seite. Nicht genug damit.

Bob Dylan hängt sich rein

Dylan startet eine Kampagne für Carters Freilassung. Mit seiner berühmten Tournee Rolling Thunder Revue, an der auch Joan Baez, Joni Mitchell, Roberta Flack und der Beat-Dichter Allen Ginsberg mitwirken, gastiert er Ende 1975 sogar in dem Gefängnis, in dem Carter einsitzt. Ende 1985, nach 19 Jahren Haft, kommt Rubin Carter endgültig frei. Die ganze ungewöhnliche Geschichte dieses rassistischen Justizfalls ist bei der Hans Böckler Stiftung nachzulesen.

Bob Dylan erzählt eine komplexe Geschichte

Sein Lied gleicht einer komplexen Kurzgeschichte. Die hier erzählt werden soll (Übersetzung von Hurricane):

Pistolenschüsse krachen laut nachts in einer Bar, herunter kommt Patty Valentine aus der oberen Spielhalle, sie sieht den Barmann in einer Blutlache liegen, sie schreit: „Mein Gott, sie haben sie umgebracht, alle!“

Hier kommt die Geschichte von Hurricane, der musste lebenslang ins Gefängnis geh´n, für etwas, das er nicht getan hat, er wurde in eine Zelle gesperrt, aber einmal hätte er Box-Weltmeister werden können. Drei Körper liegen da, das kann Patty seh´n und einen Mann namens Bello sieht sie hektisch hin und her geh´n.

„Ich hab´ sie nicht getötet“ sagt er und reißt die Hände hoch,
„ich hab´ nur die Kasse ausgeraubt, versteh das doch!“
„ich hab´ sie weglaufen seh´n“, sagt er und bleibt steh´n
„einer von uns ruft jetzt besser die Polizei“. Und so ruft Patty die Polizei und die erscheint am Tatort mit blinkendem Rotlicht in der heißen New Jersey-Nacht.

Gleichzeitig in einem anderen Teil der Stadt, in der Nähe war das nicht, fahren Rubin Carter und ein paar Freunde mit dem Auto herum. Rubin hat beste Chancen auf den Welmeister-Titel im Mittelgewicht, er ahnt noch nicht, dass die Welt gleich über ihm zusammenbricht, als ein Polizist ihn an den Straßenrand winkt, wie schon so oft vorher und davor und davor. In Patterson läuft das einfach immer so, wenn du schwarz bist, gehst du besser gar nicht vor die Tür, außer du riskierst die Hölle dafür.

Alfred Bello hatte einen Komplizen und er hatte die Polizei belogen, er und Arthur Dexter Bradley seien bloß um die Häuser gezogen. Er sagte:“ Ich hab´ zwei Männer weglaufen seh´n, die sahen aus wie Boxer, Mittelgewicht und sie sprangen in ein weißes Auto, New Jersey-Kennzeichen war´n das nicht“ und durch Nicken mit dem Kopf bestätigte das Miss Patty Valentine.

„Der da lebt ja noch!“ fing plötzlich ein Polizist an zu schrei´n der Überlebende kam ins Krankenhaus geschwind. Obwohl fast tot und beinahe blind sagten sie ihm, er solle die Täter identifizier´n.

Um 4 Uhr morgens fangen sie Rubin ein, fahren ihn ins Krankenhaus und bringen ihn nach oben. Der schwer verletzte Mann blickt auf, sein sterbendes Auge bricht und er sagt:“ Warum bringt ihr den her? Der war es doch nicht!“ Ja, das ist die Geschichte von Hurricane, der musste lebenslang ins Gefängnis geh´n, für etwas, das er nicht getan hat, er wurde in eine Zelle gesperrt, aber einmal hätte er Box-Weltmeister werden können.

4 Monate später, die Ghettos brennen jede Nacht, Rubin ist in Südamerika, kämpft um seinen Ruf mit aller Macht, während Arthur Dexter Bradley weiter raubt, mit Vorbedacht, die Bullen setzen ihn unter Druck, irgendjemand wird vor Gericht gebracht! „Erinnerst du dich an diesen Mord, der in der Bar ist gescheh´n? Erinnerst du dich, du hast gesagt, du hast den Fluchtwagen geseh´n? Denkst du, du kannst die Polizei verarschen? Meinst du nicht, es kann der Boxer gewesen sein, der weggerannt ist? Und vergiss nie, dass du ein Weißer bist!“

Arthur Dexter Bradley sagte:“ Ich bin mir wirklich nicht sicher“. Die Polizisten sagten: „Ein armer Kerl wie du kann ein paar Pluspunkte brauchen. Du bist für den Raub im Motel dran, und wir werden Bello vernehmen, wenn du nicht zurück in den Knast willst, musst du dich gut benehmen, du tust der Gesellschaft doch etwas Gutes, dieser Hundesohn ist dreist und voll des Mutes. Wir wollen ihn endlich am Arsch kriegen. Diesen dreifachen Mord wollen wir ihm anlasten, er ist ja wirklich kein Gentleman, Jim“.

Rubin konnte einen Gegner mit einem Schlag auf die Bretter schicken, doch er sprach nicht so gerne darüber. „Das ist mein Beruf“, sagte er „und ich tue es für Geld und ich gehe meiner Wege, ist der Gegner ausgezählt, hinauf ins Gebirge, weit hinein, wo Bäche mit Forellen sprudeln und die Luft ist so rein und reite einen schönen Pfad entlang“. Doch dann steckten sie ihn in eine Zelle, klein und mit wenig Licht, wo man fast jedem Mann seinen Willen bricht.

Rubins Karten waren gezinkt von Anfang an, der Prozess war ein Schmierentheater, sobald er begann. Der Richter machte aus den Entlastungszeugen einen asozialen Säufer, für die weißen Zuschauer war er ein Radikalen-Mitläufer, die schwarzen Zuschauer hielten ihn für verrückt, niemand bezweifelte: er hatte abgedrückt und obwohl die Tatwaffe nicht aufgefunden wurde, sagte der Staatsanwalt: „Er hat es getan!“ und die 12 weißen Geschworenen schlossen sich ihm an.

So kam ein Fehlurteil heraus wegen „Mord ersten Grades“ – ratet mal, welche Zeugen sagten aus? Bello und Bradley, voller Lug und Trug und die Zeitungen sprangen alle auf auf diesen Zug. Wie kann das Leben eines solchen großen Mannes in den Händen solcher Narren liegen? Ich musste zuseh´n, wie er reingelegt wurde, offensichtlich, ich konnte ihm nicht helfen, doch ich schäme mich in einem Land zu leben, wo Gerechtigkeit ein Glücksspiel ist.

All´ die Verbrecher in ihren Anzügen und weißen Kragen sind frei und trinken Martinis bei Sonnenaufgang an schönen Tagen, während Rubin wie ein Buddha in einem winzigen Zellenloch hockt, in einer wahren Hölle, und er ist unschuldig doch!

Das ist die Geschichte von Hurricane, doch bis er reingewaschen ist, wird sie weitergeh´n und bis sie ihm die geraubte Zeit zurückgeben. Immer noch eingesperrt in einer Zelle, aber einmal hätte er Boxweltmeister werden können.
Quelle: www.songtexte.com

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