Elsternest

Kein Ausweg nirgends und das Paradies weit entfernt

Wolfgang Bauer Lesung
Wolfgang Bauer: Lesung im Weltcafé Stuttgart auf Einladung von Kontext (Susanne Stiefel) und den Anstiftern

 

Für die Lesung von Zeit-Reporter Wolfgang Bauer hätten Kontext:Wochenzeitung und Die Anstifter keinen besseren Ort als das Weltcafé Stuttgart wählen können. Es liegt Tür an Tür mit dem Willkommenszentrum am Charlottenplatz, in dem Migranten eine erste Anlaufstelle finden. Hier wird ihren geholfen, sich bei uns zurecht zu finden.

Wolfgang Bauer im Gespräch mit Michael Seehoff
Wolfgang Bauer im Gespräch mit Michael Seehoff

Das Weltcafé ist bis auf den letzten Platz besetz, als Wolfgang Bauer beginnt, aus seinem Buch „Über das Meer“ zu lesen. Sofort zieht er die Zuhörer hinein in seinen Fluchtversuch, den er als Undercover-Reporter zusammen mit seinem Fotografen Stanislav Krupař erlebte:

„’Lauft!‘, brüllt es hinter mir, die helle Stimme eins jungen Mannes, ein halbes Kind noch, ‚lauft!‘, und ich beginne zu laufen, ohne viel zu begreifen, ohne in der Dämmerung viel zu sehen, ich renne den schmalen Pfad hinunter, in einer langen Reihe mit den anderen. ‚Ihr Hurensöhne!‘, schreit einer der Jungen, die uns eben aus den Minibussen gejagt haben und jetzt neben uns herrennen, uns vorwärts prügeln wie Viehtreiber auf ihre Herde. Er schlägt mit einem Stock auf uns ein, auf unsere Rücken, die Beine. Er packt mich am Arm, reißt mich fluchend voran. Wir sind neunundfünfzig Männer, Frauen und Kinder, ganze Familien, die Rucksäcke geschultert, die Koffer in den Händen, und rennen an einer langen Fabrikmauer entlang, irgendwo am Rande eines Industriegebiets im ägyptischen Alexandria.“

So authentisch und ergreifend der Text ist, Wolfgang Bauer verlässt ihn immer wieder, um frei über seine Erlebnisse zu reden und die Umstände seiner Mission zu erläutern. Seit Jahren berichtet er aus den Krisenstaaten des Nahen Ostens: Syrien, Irak, Lybien. Er hat es sich zur Aufgabe gemacht, über das Schicksal der Menschen zu berichten, deren Heimat zum Krisengebiet geworden ist. Über ihren täglichen Überlebenskampf, in Syrien immer häufiger unter der Bedrohung von Fassbomben, mit denen die syrischen Armee die Bevölkerung terrorisiert. Ein Kampf, der, wenn es für die Familien zu bedrohlich wird, auch im Ausweg Flucht münden kann. Es waren syrische Freunde von ihm, die in Ägypten gestrandet sind, sich hier eine neue Existenz aufgebaut hatten und sich dann, unter den veränderten politischen Verhältnissen, zum zweiten Mal zur Flucht entschlossen. Ihnen hatte er sich anvertraut, um zusammen mit seinem Kollegen – ausgestattet mit einer neuen Identität – mit ihnen den Weg über das Mittelmeer nach Europa anzutreten.

Über ein Meer, das von Frontex bewacht wird. Auf Schiffen, die oft extra für das Geschäft mit den Flüchtlingen in Werften gebaut werden. Häufig können sich die Boote kaum über Wasser halten, sind heillos überlastet. Lebensmittel und Wasser können knapp werden. Die Flüchtlinge begeben sich in die Hände von skrupellosen Geschäftemachern, die in der menschlichen Not ein lukratives Geschäft sehen. Wolfgang Bauer erzählt, dass die Schmuggelindustrie heute die Größenordnung der Tourismusindustrie erreicht hat und ganz ähnlich organisiert ist. Es gibt Verkaufstellen und Ticketagenten, die für Beträge um 3.000 $ die Fahrt nach Europa verkaufen. Über das Mittelmeer, in dem allein im vergangenen Jahr 3.000 Flüchtlinge ertrunken sind.

Wolfgang Bauer und Stanislav Krupař haben für ihre Reportage ihr Leben riskiert. Sie mussten tagelang in Verstecken warten, immer vertröstet von den Schmugglern, morgen ginge es los. Die ganze Gruppe wurde in ihrem Minibus von Banditen entführt und gegen Zahlung von 3.500 $ Lösegeld wieder ihren ursprünglichen „Geschäftspartnern“ übergeben. Geglückt ist ihnen die Überfahrt nach Europa nicht. Von der ägyptischen Küstenwache aufgebracht, wurden sie ins Gefängnis geworfen und nach einigen Tagen in die Türkei abgeschoben.

Den Wert eines deutschen Passes habe er dabei erfahren, erzählt Wolfgang Bauer. Alle Türen seien ihm aufgegangen, im Flugzeug sei er wie ein zahlungskräftiger Tourist behandelt worden. Sein syrischer Freund Amar hatte das Glück nicht: In die Türkei abgeschoben, erwirbt er sich in Istanbul einen französischen Pass für 8.000 $ und begibt sich erneut in die Hände von Schleusern. Über Griechenland will er es versuchen. Auch das schlägt fehl. Schließlich fliegt er von Istanbul nach Tansania, weiter mit dem Bus nach Sambia von wo aus er nach Frankfurt startet. Er hat es geschafft! Heute lebt Amar in Kelterbach bei Frankfurt. Seiner Familie ist die Flucht vor vier Wochen auch geglückt, das steht noch nicht im Buch.

Wolfgang Bauer will aufrütteln mit seinem Bericht. Er will, dass wir begreifen, was Menschen alles auf sich nehmen, um in Sicherheit zu gelangen. Und er weiß, dass eine glückliche Ankunft in Europa nicht das Ende der Flucht und der Schrecken bedeutet. Er selber bezichtigt sich des Straftatbestandes der Schlepperei, hat drei syrische Freunde im Auto von Mailand über die italienische Grenze nach Österreich gebracht, wo sie verhaftet wurden. Die drei Syrer mussten erfahren, dass auch die Europäer am Menschenschmuggel verdienen. Nach einer ausufernden Odyssee erreichten sie schließlich Schweden.

Wolfgang Bauer stellt sich der Diskussion
Wolfgang Bauer stellt sich der Diskussion

Das Paradies war es nicht und die Enttäuschung vieler Flüchtlinge sei gigantisch, sagt Wolfgang Bauer in der anschließenden Diskussion mit dem Publikum. Viele hätten kaum Vorstellungen vom Leben in den Flüchtlingsheimen und den monatelangen Aufnahmeprozeduren. Viele haben aufgrund ihrer Erfahrungen große Angst vor der Obrigkeit und fühlen sich alleingelassen. Es dauert lange, bis sie wieder mit erhobenem Haupt herumlaufen können. Das ist eine der vielen traurigen Tatsachen, von denen Wolfgang Bauer spricht. Er spricht sich für die Aufnahme von Kriegsflüchtlingen aus, ähnlich wie es die Bundesrepublik mit den Kriegsflüchtlingen aus Bosnien Mitte der Neunziger gemacht hat. Dabei verkennt er nicht die Gefahren des Rechtspopulismus, der ungeachtet geringer Flüchtlingszahlen Ängste schürt.

Ungeachtet der politischen Dimension und der Forderung nach politischem Handeln sei ehrenamtliches Engagement notwendig, fordert eine Zuhörerin, die sich selber in der Betreuung von Flüchtlingen engagiert hat. Die kleinsten Kleinigkeiten würden das Leben der hier gestrandeten Flüchtlinge menschlicher machen. Dazu bräuchte es keine spezielle Ausbildung, nur Empathie, wie sie uns Wolfgang Bauer an diesem Abend im Weltcafé vor Augen geführt hat.

Sein Buch:
Über das Meer – Mit Syrern auf der Flucht nach Europa
ist als Taschenbuch in der edition suhrkamp erschienen.
133 Seiten, 14 Euro,
zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauen

Wolfgang Bauer hat einen Teil seiner Reportagen auf seiner Homepage veröffentlicht.

 

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