Elsternest

Mundartdichtung und Gefängnismauern

Lesung der Rottenburger Autoren
v. l. n. r.: Gerhard Lang, Rainer Wochele, Egon Rieble, Astrid Braun

 

Alle haben oder hatten einen Bezug zu Rottweil, das war der Dreh- und Angelpunkt der Lesung von Gerhard Lang und Egon Rieble unter der Moderation von Rainer Wochele, der 2001 in Rottweil als Stadtschreiber tätig war. Das Schriftstellerhaus hatte die beiden Autoren eingeladen, sie lasen am 22. April aus ihren Werken. Der zwischen 1993 und 1996 als erster Bürgermeister der Stadt Stuttgart tätige Gerhard Lang zog so viele Zuhörer an, dass kurzfristig die Lesung vom Schriftstellerhaus in die Galerie InterArtverlegt werden musste.

Gerhard Lang „wuchs im Gefängnis auf“, sein Vater hatte die Stelle des Gefängnisverwalters inne, seine Mutter arbeite als Gefängnisköchin. Die Dienstwohnung der Familie war im Gefängnis unter gebracht. Man lebte, so schilderte Lang, mit schweren Jungs und leichten Mädchen quasi Tür an Tür. Sein Bericht „Kein Engel in der Höllgasse“ schildert die Erlebnisse aus dieser Zeit. Als Romanschriftsteller will sich Gerhard Lang nicht bezeichnen und das ist auch gut so. Seine Jugenderlebnisse und Anekdoten aus den heute schier unvorstellbaren Verhältnissen im Strafvollzug der 50er- und 60er- Jahre sind in einer einfachen Sprache verfasst, die sich einer literarischen Einordnung entziehen.

Musik war seit früher Kindheit seine Leidenschaft. Sein Vater wollte nicht, dass er eine musikalische Laufbahn einschlüge. Ein Jurastudium lag nahe. Er wurde Strafverteidiger und später Richter in Rottweil. Die Geige spielte er fortan in einem ambitionierten Quartett.

riebleEgon Rieble, geboren 1925, tat sich hervor als Mundartautor, schrieb Kindergedichte. Ein Gedicht hat es bis in ein Deutsch-Lesebuch „Zwischen den Zeilen“ der bayerischen Schulen geschafft, wie er stolz berichtete und es vorträgt:

 

 

 

 

Großstadt

Die alte Blumenfrau
an der Ecke
hockt zwischen
vermummtem Gelb.

In den Händen hält
mit ihrem Hauch sie
die Hoffnung
gemuldet.

Doch sie gehen
vorüber.

Die Schluchten sind
lang, und kalt
ist der schmutzige Schnee
der Bürgersteige.

Fast gläsern
schiebt sich der Wind
zwischen die Gesichter.

Dort hat einer seinen
Mantelkragen hochgeschlagen
und friert
mit den dekolletierten
Schaufensterpuppen.

Bitter
schmecken Neon
und Himmel.

Nur am Eingang
des großen Kaufhauses
bläst immer der Föhn.

Viele Gedichte haben Heiligenbilder zur Grundlage. Egon Rieble, der Kunstgeschichte und Philosophie studierte, war jahrelang als Kulturreferent des Landkreises Rottweil mit Schwerpunkt sakrale Kunst tätig. So kam er mit dem Heiligen Personal in enge Berührung.

Was für ihn der Unterschied sei zwischen Mundartgedichten und Gedichten in hochdeutscher Sprache, fragte Rainer Wochele den Dichter. Mit Hilfe des Dialektes könne er sich auf Augenhöhe mit den von ihm beschriebenen Heiligen begeben. Er könne ihre kleinen Schwächen beschreiben und sich ihrer menschlichen Seite nähern. So entsteht eine lebenssatte Darstellung der sakralen Kunst.

Egon Rieble schlug in seiner Jugend die Laufbahn eines Jagdfliegers ein. Als Rainer Wochele auf dieses Thema zu sprechen kam, öffneten sich Schleusen, eine Flut von Erinnerungen bahnte sich ihren Weg und konnte kaum noch gestoppt werden. Es schien, als müsse alles noch einmal erzählt werden, ohne Reflexion des gesellschaftlichen Umfeldes. Immerhin diente Egon Rieble als Soldat einem menschenverachtenden Regime. Seine Jugend (er begann seine Jagdfliegerausbildung noch vor seinem Abitur) mag als Entschuldigung für diese Ergebenheit dienen. Die Kriegserinnerungen des 90jährigen Autors provozierten den Moderator nicht zu kritischen Fragen. Im Gegenteil: Mit seinem Hinweis, selber einen Flieger zum Protagonisten eines Romans gemacht zu haben, befeuerte Rainer Wochele noch die Fliegererzählungen von Egon Rieble. Dadurch wurde die Lyrik zum Schluss in den Hintergrund gedrückt.

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