Elsternest

Rassismus in den USA und in meinem Kopf

Rassismus
Foto von Jeet Dhanoa auf Unsplash, cropped, Lizenzbedingungen unter: https://unsplash.com/de/lizenz

Das Thema Rassismus in den USA kam in den letzten Wochen auf unterschiedlichen Wegen zu mir. Es fing damit an, dass ich mich mit der 1951 geborenen Folksängerin Janis Ian beschäftigte, die mit The Light at the End of the Line ein beachtetes Alterswerk herausgebracht hatte, das gerade
eine Grammy-Nominierung als bestes Folk-Album 2022 erhalten hat. Im Alter von 15 Jahren nahm sie Society’s Child auf, ein Lied, das sie über eine gemischtrassige Beziehung geschrieben hatte (Youtubevideo hier).

Der Text des Liedes handelt von den Gefühlen eines jungen Mädchens, das miterlebt, wie ihr afroamerikanischer Freund von der Mutter des Mädchens gedemütigt wird und wie sie selbst von Mitschülern und Lehrern verspottet wird. Es schließt mit ihrer Entscheidung, die Beziehung zu ihrem Freund zu beenden, weil sie dem sozialen Druck nicht gewachsen ist.

Zensur durch die weiße Mehrheitsgesellschaft

Das Lied, das auf ihren Erfahrungen in einem überwiegend schwarzen Viertel in East Orange, New Jersy, basierte, wurde weitgehend aus dem Radio verbannt, bis Leonard Bernstein sie einlud, es im Fernsehen aufzuführen. Dadurch wurde die Platte und ihre, noch  Mitte der 1960er Jahre umstrittene Botschaft, in den USA Land verbreitete. Langsam wurde das Land sich seiner problematischen Einstellung zur schwarzen Bevölkerung bewusst.

Die Songwriterin erhielt wegen Society’s Child über Jahrzehnte Mord- und Bombendrohungen. Rassisten störten ihre US-Konzerte mit Rufen wie „Nigger Lover“ und ihre Tourneen in den Staaten waren ohne Bodyguards undenkbar. Endgültig wandelte sich das erst in den 1990er Jahren, als Janis Ian – u. a. über das Forum ihrer Website – vermehrt den persönlichen Kontakt mit ihren Fans suchte.

Zerrbilder von Menschen mit afrikanischen Wurzeln

Warum beschäftigt mich das Thema Rassismus zwischen Schwarz und Weiß so sehr? Zum einen, weil meine Tochter in den USA lebt aber vor allem auch, weil ich mich immer wieder bei rassistischen Vorurteilen gegenüber Schwarzen „erwische“. Da fallen mir die wulstigen Lippen im Gesicht des an mir vorbeigehenden Schwarzen auf. Ich sehe das Kraushaar. Zerrbilder aus konolialer Zeit werden bei mir getriggert.

Und ich denke an meine eigenen Erfahrungen in den Jahren meiner Afrika-Aufenthalte, an meine priviligierte Stellung, die sich allein schon durch die Hautfarbe manifestierte. Musik, Film, die Literatur halten mir einen Spiegel vor und zwingen mich, noch einmal genau hinzuschauen, die Stereotypen zu hinterfragen.

Rassismus im Film

Vor einigen Tagen sah ich auf ARTE den Spielfilm In der Hitze der Nacht aus dem Jahr 1967. Sidney Poitier spielt den afroamerikanischen Polizeidetektiv Virgil Tibbs aus dem Norden der USA. Der soll einen Mordfall in einer vom Rassismus geprägten Kleinstadt im Süden aufklären. Sein Antagonist ist Rod Steiger, der den örtlichen Polizeichef William Gillespie darstellt. Zur Zeit des Filmdrehs war die Bezeichnung der Afroamerikaner mit dem N-Wort selbstverständlich und wird von den Weißen im Film auch in seiner verschärften Form benutzt. Glücklicherweise hat man dies aus politischer Korrektheit in der heute ausgestrahlten Fassung nicht korrigiert oder akustisch getilgt. Der Film zeigt nicht nur den Rassismus der Weißen, sondern auch die Vorurteile des schwarzen Ermittlers, dessen Hauptverdacht auf einen Plantagenbesitzer fällt, der ihn, ganz in seiner Herrschaftstradition, ohrfeigt. Dass der Film zeigt, wie der anfänglich ablehnende Polizeiinspektor sich gegen Ende des Films seinem schwarzen Kollegen Respekt zollt, ist eine der Stärken dieses von seinen beiden Protagonisten getragenen Films über die Verbrechensaufklärung in einer US-amerikanischen Kleinstadt.

Ist es vorbei?

Gut, dachte ich mir, das ist alles lange her. Die Bürgerrechtsbewegung der schwarzen US-Bürger setzte in ihrer Hochzeit, Ende der 50er, Anfang der 60er Jahre, die Abschaffung der Rassentrennung durch. Einer ihrer Protagonisten, Martin Luther King, wurde 1964 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Mit der offiziellen Aufhebung der Rassentrennung und dem Wahlrecht für Schwarze waren zwar zentrale Forderungen der schwarzen Bevölkerung umgesetzt, doch der Rassismus verschwand nicht, es blieb bis heute ein struktureller Rassismus. Wie sehr der Rassismus auch noch unter dem ersten schwarzen Präsidenten der Vereinigten Staaten, Barak Obama, existierte und durch die Regentschaft von Trump noch einmal befeuert wurde, beschreibt die afroamerikanische Autorin Attica Locke in ihren Kriminalromanen. Ich habe gerade die beiden ersten Bänder der Highway 59-Reihe gelesen und es hat mich doch sehr erschüttert. Im Mittelpunkt steht der schwarze Texas Ranger Darren Methew, der im Osten von Texas Hassverbrechen aufzuklären hat. Grundiert vom Sound der schwarzen Bluesmusiker erzählt Attica Locke in Bluebird, Bluebird von Lieben und Sterben in Shelby County, wo die Arische Bruderschaft das schwarze Texas terrorisiert. Auch im zweiten Band der Reihe Heaven, my home, geht es um Hassverbrechen. Die Arische Bruderschaft Texas spielt eine entscheidende Rolle, eine faschistische Nachfolgeorganisation des Ku-Klux-Klans. Beide Romane sollten unbedingt in dieser Reihenfolge gelesen werden, denn im zweiten Band werden einige Begebenheiten aus dem ersten Band weitererzählt.

Liebe und Hass sind miteinander verbunden

Rasse spielt eine wichtige Rolle, die aber teils überlagert wird durch Liebe und Familienbande. Ranger Derran wird gegen Ende des ersten Bandes klar, „… dass der urspüngliche Instinkt der menschlichen Natur nicht ist, zu hassen, sondern zu lieben, wobei beide, die Liebe und der Hass, untrennbar miteinander verbunden sind.“ Wo Liebe zwischen den Rassen wächst, kann sich der Hass auch Bahn brechen, wenn Gefühle verletzt werden. Damit schlägt der Roman von Attica Locke, Bluebird, Bluebird, einen Bogen zum dem vor über fünfzig Jahren entstandenen Lied der 15-jährigen Sängerin Janis Ian Society’s Child über eine gemischtrassischen Liebe.

Attica Locke schreibt über Rassismus

 

Bluebird, Bluebird
von Attica Locke
280 Seiten, Polar Verlag
Gebunden mit Schutzumschlag: 20 €

 

 

 

Heaven, My Home
von Attica Locke
338 Seiten, Polar Verlag
Gebunden mit Schutzumschlag: 22 €

zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

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