Elsternest

Treppen ohne Ende, Shinto Schreine und ein japanischer Garten (JR-9)

Shrine Kotohira-gū

Tag 9: Kotohira, 18. Oktober 2023

Wandelte die Pilgergruppe bis heute auf den Spuren von Kūkai (Kōbō Daishi), weicht sie heute von diesem Pfad ab: Der in der Stadt Kotohira gelegene Kotohira-gū Tempel (in der Provinz Sanuki) gehört nicht zu den 88 Tempeln, die auf dem Pilgerpfad liegen. Es ist kein buddhistischer Tempel, sondern einer der Shintō-Religion. (Wiewohl lange Zeit unklar war, ob der Kotohira-gū ein buddhistisches oder ein shintōistisches Heiligtum sein sollte.) Die Kultstätten der Shintō Religion nennt man im Gegensatz zu den Kultstätten des Buddhismus „Schrein“ oder auf japanisch gu.

Treppen Kotohira-gūDie Anreise vom Zentsū-ji hätte auch zu Fuß zurückgelegt werden können. Vom Zentsū-ji Tempel, zum Aufgang zum Kotohira-gū beträgt nur knapp 7 km. Aber dann hätte M. mit seiner Erkältung den Aufstieg nicht mehr geschafft: Der Schrein befindet sich in 521 Metern Höhe auf halbem Weg zum Gipfel des Berges Zōzu und steht am Ende eines langen Weges, der 785 Stufen zum Hauptschrein und insgesamt 1368 Stufen zum inneren Schrein umfasst. 1368 Stufen, von denen M. hofft, dass der Abstand von Treppenstufe zu Treppenstufe eine Schrittlänge beträgt, so dass er gleichmäßig schreitend steigen kann.

Hunderte von Besuchern erklimmen jeden Tag die Stufen zum Schrein Kotohira-gū

Seit der Muromachi-Periode (1336 bis 1573) wurden Pilgerfahrten zum Schrein populär, und auch heute noch erklimmen in der Regel Hunderte von Besuchern an einem Tag die Stufen des Berges Zōzu. Die deutsche Pilgergruppe sieht sich also einer Vielzahl japanischer Pilger gegenüber, von Schulklassen bis hin zu älteren Herrschaften, ja sogar Hunde pilgern mit.

Pilgern auf unterschiedliche Art und Weise
Pilgern auf unterschiedliche Art und Weise

Je höher die Treppen sich den Berg hinaufziehen, desto spektakulärer wird die Aussicht. Doch das etwa 14 km von hier entfernte Meer kann man nicht sehen. Es ist kurios: viele der 88 Tempel auf dem Shikoku Pilgerweg liegen in Küstennähe aber es gibt nur einen Tempel, von dem das Meer zu sehen ist: der am Anfang der Reise besuchte Tempel 23, Yakuō-ji.

Sake als Opfergabe

Ein wunderbaren Panoramablick eröffnet sich über die Sanuki-Ebene von der Aussichtsplattform am Ende des Aufstiegs über 785 Steinstufen zum Hauptschrein, dem Kotohira-gū. Große Sakefässer stehen vor dem Tempel, zur Opfergabe an die die Seeschifffahrt und die Matrosen beschützenden Götter. Für Seefahrer ist es eine Tradition, kleine Fässer mit Opfergaben an Ō-mono-nushi („Großer Meister der Dinge/Geister“) in die See zu werfen. Von dem, der diese findet, wird erwartet, dass er sie zum Schrein bringt.

Noch einmal 583 Stufen

An dieser Plattform ist der Aufstieg nur für einen Teil der Gruppe zu Ende. M. geht mit einigen Freunden weiter, noch einmal 583 Stufen, um bis zum Izutama-jinja Schrein zu gelangen. Es geht einen bewaldeten Treppenweg hinauf, der ruhigste Teil des Gesamtaufstieges, denn es sind nur wenige Besucher zum Izutama-jinja Schrein unterwegs. Der besteht aus hintereinander gebauten Schreinen. Nur Priester kommen in die innersten Schreine. Oben an diesem Tempel hält Michael von Brück wieder einen kleinen Vortrag, der diese Reise so unvergleichlich macht. Er spricht über die in allen Kulturen bekannten Opferrituale. Die ackerbautreibenden Gemeinschaften opferten Früchte der Felder. Die Völker, die Tiere aßen, opferten direkt an die von ihnen gegessenen „Individuen“. Opfer galten immer als Dank an die Götter und dienten auch als Besänftigung der Götter. Der Shintōismus bildet da keine Ausnahme.

Durch den Buddhismus geriet der Shintōismus ins Hintertreffen. Erst im 19. Jahrhundert wurde er wieder aufgewertet. Das hat vor allem mit dem aufkommenden Nationalismus zu tun. In diesem Zug wurden die Buddhisten gezwungen, zu heiraten. Damit wollte man ihnen einen moralischen Stoß versetzen. Es war in der japanischen Geschichte eine in Wellen verlaufende Bevorzugung oder Zurückdrängung der ein oder anderen Religionsform.

Tingeltangel gibt es in allen Religionen und Kulturen

Das alle Religionen „Tingeltangel“ brauchen, wird auch an dieser Pilgerstätte deutlich. Der Weg zum Eingangstor der Anlage ist übersät mit Geschäften, die allerlei Tingeltangel verkaufen. Das ist hier nicht anders als im Wallfahrtsort Altöttingen mit seiner „Schwarzen Madonna“ oder in Lourdes mit seiner Grotte, wo die Mutter Gottes einem jungen Mädchen erschienen sein soll.

Von Kotohira geht es weiter zum 78. Tempel, dem Gōshō-ji. Hier besonders beeindruckend ein unter der Erde liegender Tempelraum, in dem 30.000 Kannon Statuen wie um den Sockel einer Pyramide aufgereiht in vielen übereinander liegenden Reihen stehen. Eine tupfengleich der anderen. Dazwischen größere Bothisattvas. Ein kleiner Teich auf dem Tempelgelände verleiht dem Gōshō-ji lebendige Anmutung.

Diese friedlich-lebendige Anmutung kommt noch einmal in viel ausführlicheren Variationen im japanischen Garten der Stadt Takuzuma zum Ausdruck.

Ein wunderschöner Garten und eine Udon-Suppe am Ende des Tages

Der Ritzurin Garten ist mit fast 75 Hektar der größte Wandelgarten Japans. Er gehört zu den „Ausgezeichneten Sehenswürdigkeiten“. Offene Wege wechseln sich mit baumgesäumten Wegen ab, kleine Brücken führen über Gewässer, auf denen kleine Boote gleiten, mit langen Stangen vorwärtsgetrieben durch erfahrene Bootsfüher, vergleichbar mit den Stocherkähnen in Tübingen. Eine Gärtnerin steht auf einer Leiter und schneidet mit einer Schere, die die Größe einer Stoffschere hat, die Nadeln der Bonsei-Bäume zurück. Das ist wahre Hingabe!

Auch hingebungsvoll schlürft M. an diesem Abend seine Udon-Nudelsuppe, die in einen kleinen Restaurant unweit des Hotels Takyu Rei in der Stadt Takamatsu serviert wird. Nach so einem stufigen Tag flutschen die Nudeln wie von selbst die Kehle hinunter.

(Visited 48 times, 1 visits today)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert