Elsternest

Ulf Stolterfoht erhält Preis der Literaturhäuser

Ulf Stolterfoht
Symbolische Preisübergabe

 

Der mit 14.000 € dotierte Preis der deutschen Literaturhäuser wird dieses Jahr an Ulf Stolterfoht verliehen. Damit wird ein Lyriker ausgezeichnet, der seit mehr als 20 Jahren der deutschsprachigen Lyrik entscheidende Impulse mit seinen regelmäßigen Veröffentlichungen gibt. Das Netzwerk der Literaturhäuser vergibt den Preis seit 2002.

Der Preis wurde Ulf Stolterfoht im März in Leipzig überreicht, damit verbunden ist eine Lesereise durch alle deutschsprachigen Literaturhäuser, am 31. Mai las er im Literaturhaus Stuttgart. Die Leiterin des Hauses, Dr. Stefanie Stegmann, überreichte Ulf Stolterfoht symbolisch als „Preis“ ein Sixpack Bier, über den der Autor sich sichtlich freute. Sein Schriftstellerkollege Marcel Beyer, der den Abend mit dem Preisträger moderierte, forderte Ulf auf, doch die Biersorten zu präsentieren. schmunzelnd entgegneter dieser, die Verkostung würden sie sinnvoller Weise erst nach der Lesung vornehmen.

Erste Veröffentlichungen in den neunziger Jahren in Zeitschriften

Marcel Beyer eröffnete das Gespräch mit einer Anekdote: Urs Engeler und er selber nehmen jeder für sich in Anspruch, die erste Veröffentlichung von Gedichten des Ulf Stolterfoht in ihren jeweiligen Zeitschriften verantwortet zu haben, in der Zeitschrift Zwischen den Zeilen (Urs Engeler) bzw. in Konzepte (M. Beyer). Ulf Stolterfoht erinnerte sich, dass doch ein erheblicher Abstand von zwei Jahren zwischen den zwei Veröffentlichungen gelegen hat. Heute ist sein Gesprächspartner mit einer Veröffentlichung in seinem eigenen Verlag, der Brueterich Press mit einem Band vertreten. Die Brueterich Press verlege „Schwierige Lyrik zu einem sehr hohen Preis“ berichtete Ulf Stolterfoht stolz. Er hat ein vorab ausgezahltes Erbe zur Gründung des Verlages verwendet und dankte an diesem Abend seinen anwesenden Eltern, die ihn immer unterstütz hätten, in all den schwierigen Anfangsjahren seines lyrischen Schaffens.

Seit 1985 Schreibt Ulf Stolterfoht Lyrik

Ulf Stolterfoht
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Seine ersten Gedichte hätte er an Norbert Wehr 1985 geschickt, der die Literaturzeitschrift Schreibheft herausgab. Der hätte ihn dann angerufen und sich erkundigt, ob er sich umbringen würde, wenn er seine Gedichte nicht veröffentlichen würde. Offensichtlich hatte er Angst um den Lyrikneuling, der damals in Bochum, später in Tübingen, Germanistik und Allgemeine Sprachwissenschaften studierte. Schon zu der Zeit begann Ulf Stolterfoht an seinem Lyrikprojekt Fachsprachen, das mittlerweile auf vier Bände angewachsen ist. Es ist ein formal strenges Werk, jeder Band enthält jeweils neun Rubriken à neun Gedichte, so dass jeder Band aus 81 Gedichten besteht. Er will die Reihe auf neun Bände ausdehnen, der fünfte ist fertig und der sechste in Arbeit. Es sind bizarre Sprachschöpfungen, die den Gestus von Fachsprachen nachahmen, aber in Wirklichkeit der Phantasie des Autors entstammen.

Mit dem ethnographischen Poem Holzrauch über Heslach oder dessen Fortschreibung in der kulturhistorischen Sektenfarce neu-jerusalem, den so vergnüglichen wie hintersinnigen Ammengesprächen mit einer Sprechmaschine hat Ulf Stolterfoht die Spielarten des gegenwärtigen Gedichts erheblich ausgeweitet. Holzrauch über Heslach hätte er während seines Stipendium der Villa Massimo geschrieben, wie Ulf Stolterfoht verriet.

Ulf Stolterfoht präsentiert seine Lyrik auf sympathische Weise vor

Wie immer trug er auch an diesem Abend seine Texte auf unnachahmliche Weise vor. Bescheiden streute er scheinbar leichthin Reflexionen über den Wert und höheren Unwert des Gedichts ein. Er erzählte von seinem Onlineprojekt Brueterich, das er nach einem vom Goetheinstitut verantworteten argentinisch-deutsche Stadtschreiberprojekt in Rayuela begonnen hatte, wo er erstmals Beiträge auf dem Projektblog veröffentlichte. Der Brueterich hatte eine Vielzahl von Unterprojekten (39 Kammern des Brueterichts), die er „Schwestern, Onkels, Nennonkels, Basen u.s.w.“ nannte. Alle diese Projekt sind abgeschaltet, wiewohl man sie noch im Internet auffinden kann. Aus diesem Blog las er im Literaturhaus einige Ausschnitte vor.

Auch Marcel Beyer kam „lyrisch zu Wort“

Marcel Beyer liest aus Graphit Ulf Stolterfoht
Marcel Beyer liest aus Graphit

Mit Blick auf die Uhr forderte Ulf Stolterfoht Marcel Beyer im Laufe des Abends immer wieder auf, doch eigene Gedichte zu lesen. Dieser ließ sich jedoch nicht drängen. Erst gegen Ende des Abends las er aus seinem neuen Band Graphit, an dem er 13 Jahre lang gearbeitet hat. Darin erkundet Beyer die Materialität von Gegenständen, Stoffen und Substanzen, um die in ihnen abgelagerte Geschichte freizulegen. Er las daraus ein Gedicht zum ersten Todestag von Thomas Kling: ein Dichter, der für beide von sehr großer Bedeutung war. Und: Das Rheinland stirbt zuletzt. Darin wird der Einsturz des Historischen Archivs der Stadt Köln mitsamt rund 30 Regalkilometern im Jahr 2009 besungen.

Nach gut zwei Stunden verabschiedete der Moderator das Publikum im Literaturhaus. Bei ein paar Bieren konnten sich das Publikum über diesen gelungenen Abend austauschen.

Weitere Videos der Fachsprachengedichte und Gespräch:

Ein frühes Gedicht aus der Reihe Fachsprachen
Lesung aus Fachsprachen (2)
Lesung aus Fachsprachen (3)
Lesung aus Fachsprachen (4)
Lesung aus Fachsprachen (5)
Gespräch über Thomas Kling und andere moderne Lyriker
Gedicht zu Thomas Kling

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