Elsternest

Uta-Maria Heim liest in der Stadtbibliothek Stuttgart

Uta-Maria Heim im Gespräch mit Astrid BraunUta-Maria Heim ist nach Stuttgart gekommen. Auf Einladung der Stadtbibliothek und des Schriftstellerhauses las sie am 19. November aus ihrem neuen Roman: „Wem sonst als dir.“ Wieder einer dieser Regionalkrimis, könnte man nichts ahnend denken. Frau Heim hat viel Lokalkolorit in diese Geschichte eingewoben, die sie in Baden-Württemberg ansiedelte, genauer in Grafeneck. Ein Ort geschichtlichen Grauens, auf dessen Folie die Handlung abläuft.

In Grafeneck begann im Jahr 1940 die so genannte Aktion „T4“. In einem Jahr wurden hier unter nationalsozialistischer Herrschaft mehr als zehntausend Menschen mit geistigen Behinderungen oder psychischen Erkrankungen ermordet. Die Mutter des Protagonisten Christian Schöller hatte hier als Küchenmädchen gearbeitet und nun sitzt ihr Sohn in dieser Anstalt ein, weggesperrt in die Psychiatrie, vom Richter K in einem Indizienprozess überführt, ebendiese seine Mutter erstochen zu haben.

Der Roman sprengt die Grenzen, die langläufig mit dem Genre Lokalkrimi verbunden sind. Zu vielschichtig hat Uta-Maria Heim den Plot angelegt, zu sprachmächtig kommt der Text daher. Das wurde in den von ihr gelesenen Ausschnitten deutlich. Sie spannt den Bogen von den Euthanasiemorden bis hin zur Geschichte der RAF. Die Schwester des Verurteilten Schöller sympathisierte als Schülerin mit der RAF. Astrid Braun, Geschäftsführerin des Schriftstellerhauses, zog Uta-Maria Heim in ein freundschaftlich, kollegiales Gespräch, ist doch die Autorin der Stadtbibliothek durch Lesungen und Projekte verbunden und gern gesehener Gast in Stuttgart.

Sprachliche Raffinessen des Romans wurden im Gespräch ebenso beleuchtet wie der geschichtliche Bogen vom Nationalsozialismus über die RAF bis hin zum Untergang der DDR. Die Unfähigkeit des Individuums mit Schuld zu leben kristallisiert sich in den Protagonisten dieses vielschichtigen Romans.

Das Thema Vergangenheitsbewältigung fällt in Stuttgart auf besonders fruchtbaren Boden: Seit Jahren setzen sich „Die AnStifter“ in dieser Stadt für die Errichtung eines Erinnerungs- und Lernorts in der ehemaligen Gestapozentrale „Hotel Silber“ ein. Die AnStifter organisierten auch im Oktober 2009 eine Spur der Erinnerung, eine farbige Linie, die von Grafeneck bis vor das Innenministerium in Stuttgart reichte und verlegten Stolpersteine für die Euthanasieopfer der Nationalsozialisten in Stuttgart. Es ist bewundernswert, auf welch hohen Niveau Uta-Maria Heim dieses Thema in die Kriminalliteratur eingebracht hat.

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