Elsternest

Mattias Timander schreibt in ungewöhnlicher Sprache

Dein Wille wohnt in den Wäldern von Mattias Timander

Mattias Timander hat einen unaufgeregten Roman geschrieben, der sich wohltuend von vielen Erstlingen in Deutschland unterscheidet. Sein Erstlingsroman Dein Wille wohnt in den Wäldern wurde in Schweden mit dem De-Nios-Jul-Preis 2024 ausgezeichnet und wurde für den Katapult-Preis sowie den Adlibris-Preis für das Debüt des Jahres nominiert. 2025 folgten Nominierungen für den Norrlands-Literaturpreis und den Borås-Tidning-Preis.

Mattias Timander lässt seinen zwanzigjährigen Ich-Erzähler von seinem Dorf im Norden Schwedens in das Bohemviertel Södermalm in Stockholm ziehen. Es ist nur eine Zwischenphase, langfristig zieht es den Protagonisten in sein Dorf und in die Einsamkeit der schwedischen Landschaft zurück. Wir erfahren, dass der Erzähler seit seinem 17. Lebensjahr allein in dem Haus seiner Eltern wohnt. Vieles bleibt in diesem Roman nur angedeutet. Eines ist allerdings zentral: immer wieder zieht es ihn zu einem traditionellen Haus, dem Storstuga, in dem die betagte Viola wohnt. Sie ist für ihn so etwas wie die gute Seele des Dorfes und er ist bei ihr bis zu ihrem Lebensende.

Mattias Timander wählt dreiteiligen Romanaufbau

Der Roman ist in drei Teile gegliedert: Im ersten Teil beschreibt Mattias Timander das harte Leben am Rande des namenlosen Dorfes, der Alltag ist geprägt vom Holzmachen und der Beobachtung der Tiere. Der Raufußbussard taucht immer wieder auf (nicht nur auf dem Buchcover). Der Ich-Erzähler bewundert die Berge und denkt bei allem über alles nach. Die wenigen Kontakte, die der Protagonist hat, bestehen vor allem zu einem alten Mann, mit dem er auf die Jagd geht. Sein engster menschlicher Kontakt ist allerdings Viola. Er hilft ihr mit den Einkäufen und darf dann auf ihrem Küchensofa liegen. Es gibt Kaffee und Kuchen aus einer nie versiegenden Quelle in der Gefriertruhe.

Am Anfang des Romans liest der Ich-Erzähler noch nichts außer der Lokalzeitung

Mattias Timander beschreibt das winterliche Erstarren der Natur und lässt seinen Erzähler zu viele sterbende Tiere sehen. Es reicht ihm irgendwann und er tauscht die karge Landschaft gegen die Großstadt, nachdem er im Schuppen der Familienhütte auf eine versteckte Büchersammlung stößt und zu lesen beginnt. Die Eltern sind nicht mehr da, mehr wird nicht erklärt. Zu seiner literarischen Erweckung gehören Kafka und Joyce, Beckett und Woolf. Flaubert und Fallada. Doch vor allem der französische Literaturnobelpreisträger Patrick Mordiano hat es ihm angetan. Social Media und die Dauerpräsenz von Smartphones spielen nicht die geringste Rolle. Sein Ich-Erzähler erwähnt einmal, dass er nur ein Festnetztelefon hat, keine weiteren Erklärungen. Man hat es hinzunehmen, und das fällt sehr leicht in dem psychologisch tiefgründigerer Roman über Heimat und die Suche nach Identität – nach dem, was uns geprägt hat. Es gibt keine Action. Die Bewegung findet im Inneren des Protagonisten statt durch Beobachtung, Nachdenken und Erkenntnis.

Keine Antworten auf seine Fragen

Im zweiten Teil des Romans erleben wir den Ich-Erzähler in Stockholm. Doch Antworten scheinen ferner denn je. Er lässt sich von Antiquariat zu Antiquariat treiben, um wie besessen Bücher zu sammeln und besucht immer wieder das gleiche, angesagte Café. Dort verliebt er sich unglücklich in eine manische Literatin und taucht ein in die sich lustvoll zelebrierende Bohème Södermalms, dem angesagten Kulturviertel Stockholms. Aufgenommen von der literarischen Bohème beginnt er eine Karriere als Literaturkritiker.

Rückkehr ins heimatliche Dorf

Aber all das reicht dem jugendlichen Literaturbegeisterten nicht. Er findet die gesuchten Antworten nicht und kehrt im Teil III des Romans frustriert in sein entlegenes Heimatdorf zurück, in seine Heimatregion, in die Landschaft von karger Schönheit. Die Coming of Age Geschichte nimmt noch einmal eine andere Wendung, als er sich mit dem Sterben seiner 70-jährigen Freundin Viola auseinandersetzt. Er handelt uneigennützig, fährt die krebskranke Frau ins Krankenhaus, versorgt sie dort und begleitet sie schließlich wieder zurück in ihr Storstuga. Dort — in heimatlicher Umgebung — kann sie in Frieden sterben. Er kümmert sich um die Beerdigung und trifft auf alte Dorfbekanntschaften, Menschen so eng und zerklüftet wie schlicht.

Zugehörigkeit und Herkunft in seltenem Dialekt

Wie beiläufig werden dabei auch Zugehörigkeit und Herkunft mit verhandelt. Das schwedische Original ist in einer Mischung aus nordschwedischem und tornedalischem Dialekt sowie der Minderheitensprache Meänkieli verfasst. Ins Deutsche hat dies Hanna Granz übersetzt. Sie hat die schwierige Aufgabe mit einem Kniff gemeistert, um Sprachklang und Rhythmus nachvollziehbar zu machen: Immer wieder reißen Sätze mittendrin ab. Das verleiht der deutschen Übersetzung einen besonderen Sound.

„Vielleicht begann man mehr darüber nachzudenken, wie es eigentlich gekommen war, dass man hierherzog. Vielleicht einfach aus Notwendigkeit. In der Stadt war so leicht nichts zu finden, nachdem Mama und Papa. Und so.“

Dein Wille wohnt in den Wäldern
Roman
aus dem Schwedischen von Hanna Granz.
192 Seiten, gebunden
Allee Verlag, Preis: 24,00 €

Zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

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